Gemälde: Halbfigurenporträt der Äbtissin Maria Josepha Agnes Mühlgraber (1739–1818), Vorsteherin im Benediktinerinnenkloster Münsterlingen (1775–1818) mit Äbtissinnenstab und roten Handschuhen

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Bildnis im Viertelprofil nach links gewandt und mit Blickkontakt zur betrachtenden Person, im Habit einer Benediktinerin mit Tunika, Skapulier und Schleier (Weihe) in Schwarz sowie weissem, den Hals und Kopf bedeckendem Tuch (Wimpel). Die Äbtissin trägt ein grosses markantes, an einer Gliederkette hängendes Brustkreuz (crux oblonga) aus roten viereckigen Steinen, die von kleinen Diamanten gerahmt sind. Auch das die Kette und Kreuz verbindende blütenförmige Glied und der Abhänger weisen von kleinen Diamanten umfasste rote Steine auf. Aufgrund der Abstände zwischen den Steinen handelt es sich vermutlich um eine aus filigranen Drähten gestaltete Insignie. Zum Kreuz passt der Ring mit rundem Kopf mit Rahmen aus winzigen schwarzen und weissen Steinen, der am rechten Ringfinger über dem roten seidenen Handschuh der Geistlichen steckt. Dieses Kleidungsstück, ebenfalls eine Insignie, zeigt Stickereien mit Goldlahn: auf dem Rücken Blattformen und auf der ausgestellten Stulpe drei Bordüren. Durchscheinender gerüschter Spitzenbesatz mit Quaste. Mit ihrer Rechten hält sie den zweiten Handschuh sowie den Äbtissinnenstab aus mit Blüten verzierter volutenförmiger Krümme auf einer oben eckigen und unten runden Tülle mit zwei Knäufen sowie schwarzem Holzschaft.
Die Finger ihrer linken Hand berühren ein vor ihr stehendes Buch mit schwarzem Buchdeckel, vermutlich die Bibel, davor liegt ein kleineres Buch mit rotem Einband, wohl ihr Andachtsbuch.
In der oberen rechten Ecke ein hellbraunes rechteckiges Feld mit dem gevierten Wappen der Äbtissin (Feld 1 und 4: Wappen des Klosters Münsterlingen, Feld 2 und 3. Wappen Mühlgraber) in geschweiftem Schild, bekrönt und überhöht mit Krümme, in Blattkartusche.
Darunter Schrift «REV: D.D. M. AGNES. ABBATISSA MUNSTREII. AO 1739. 10. Dece. profefsa Ao. 1757. Julij. ELECTA AO. 1775. 27. Septembris.» (REVERENDA DOMINA DOMINA MATER AGNES ABBATISSA MUNSTREII. ANNO 1739 [nata]. 10. Dece.[mbris], professa Anno 1757. Julij ELECTA ANNO 1775. 27 Septemberis) (Ehrwürdige Frau, Frau Mutter Agnes, Äbtissin von Münsterlingen, [geboren] am 10 Dezember 1739, die Profess (Gelübde) abgelegt im Juli 1757, gewählt am 27. September 1775).
Der Überlieferung nach wurde das Kloster Münsterlingen von einer Schwester des Einsiedler Abts Gregor (964–996) gegründet und der hl. Walburga geweiht. 1125 gestattete Kaiser Heinrich V. dem Konstanzer Bischof Heinrich von Dillingen die Einrichtung des Frauenklosters. Als Vögte des Klosters traten die Herren von Klingen auf, von deren Schirmherrschaft sich die Augustinerinnen 1288 freikauften und ihre Gerichtsherrschaft gründeten. Mit der Reformation ab 1524 löste sich die Klostergemeinschaft nach und nach auf. 1549 stellten die fünf im Thurgau regierenden katholischen Orte den Konvent mit Benediktinerinnen wieder her.

Die Materialanalyse anlässlich der Konservierung und Restaurierung des Werks 2025 brachte mehrere Veränderungen zum Vorschein. So wurde der textile Träger vermutlich oben und unten beschnitten. Die Malschicht ist aufgrund mehrerer unsachgemässer Eingriffe stark überarbeitet und mit Kittungen, Retuschen und ungleichmässig aufgetragenen Firnissen versehen. Zu diesem Befund passt die Provenienzgeschichte des Bilds, soll das Gemälde vor der Schenkung ans Museum 1928 doch bei einer Theateraufführung als Requisit gedient haben. Anschliessend wäre es der Entsorgung anheimgefallen, hätte nicht die Schenkerin, die beim Theaterstück mitspielte, das Bild in ihren Besitz genommen und es von Karl Hayd restaurieren lassen. Hayd (1882–1945) war Kunstmaler und ab 1918 in Linz tätig, wo er als Zeichenlehrer unterrichtete.

Ins Auge sticht der Stab der Äbtissin, dessen Krümme als feine Goldschmiedearbeit gemalt ist. Auch die Vorgängerin der aus Kirchheim in Bayern (DEU) stammenden Geistlichen Mühlgraber, Anna Gertrudis Hofner (1713–1750) aus Konstanz, liess sich mit derselben Insignie porträtieren. Eines ihrer Bildnisse befindet sich heute im Bowes Museum in Branard Castle (GBR). Der Stab ist auf diesem Gemälde detailliert abgebildet und zeigt eine reich gestaltete, reliefierte und durchbrochen gearbeitete Goldschmiedearbeit. So rahmt der Krümmenverlauf einen plastisch gestalteten Bischof oder Abt mit Mitra und Krummstab, auch die Tülle zeigt einen Kleriker oder eine Klerikerin mit Stab. Anders als beim vorliegenden unsignierten Werk ist der Maler des Porträts aus dem Bowes Museum bekannt, es handelt sich um den in Konstanz gestorbenen Franz Ludwig Hermann (1723–1791).
4. Viertel 18. Jh.
H. 84, B. 65.2, T. 2 cm
Öl auf Leinwand
TD 8
Egbert Friedrich von Mülinen, Helvetia sacra oder Reihenfolge der kirchlichen Obern und Oberinnen in den ehemaligen und noch bestehenden innerhalb dem gegenwärtigen Umfange der schweizerischen Eidgenossenschaft gelegenen Bisthümern,Collegiatstiften und Klöstern, B. Frauenklöster, Bern 1858–1861, S. 22–23.

Albert Knoepfli, Die Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau, Bd. 1, Der Bezirk Frauenfeld (Die Kunstdenkmäler der Schweiz, Bd. 23), Basel 1950, S. 142.

Hayd, Karl (1882–1945), Maler, in: Österreichisches Biographisches Lexikon (ÖBL), 1815–1950, Bd. 2 (Lfg. 8), 1958, S. 225. https://www.biographien.ac.at/oebl/oebl_H/Hayd_Karl_1882_1945.xml, aufgerufen am 30.05.2025.
Schlagwörter: Herrschaft, Kloster, Malerei, Porträt