Gestrickter Apfelbaum für das Street-Art-Festival in Frauenfeld

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  Um einen Baum drapierte Strickarbeit im Frauenfelder Lindenpark im Juni 2023.

Strickarbeit bestehend aus gestricktem Hauptteil (Stamm) aus grüner Baumwolle mit Polyesterkern, darauf appliziert gehäkelte braune Äste aus einer Wolle-Acryl-Mischung, gehäkelte und mit Polyesterwatte ausgepolsterte hellgrüne und rote Äpfel sowie ein graues Vögelchen.
Der Apfelbaum wurde während des Street-Art-Festivals von Juni bis September 2023 in Frauenfeld gezeigt. Im Rahmen der Freiluftausstellung bespielten 60 Künstlerinnen und Künstler aus dem In- und Ausland den öffentlichen Raum mit Kunstwerken wie Graffiti und Installationen.

Das Strickobjekt wurde von den sogenannten Frauenfelder Wollfrauen, vier strickende Frauen aus Frauenfeld, hergestellt. Im Stil des Urban Knitting wurde es als Teil der temporären Ausstellung um einen Baum im Lindenpark montiert. Die vier Monate in der freien Natur haben ihre Spuren am Objekt hinterlassen: Die Wolle wurde von der Sonne gebleicht, die in den Ästen angebrachten gehäkelten Schmetterlinge wurden entfernt und entwendet. Zahlreiche kleine Insekten und Käfer haben sich im Gestrick eingenistet.

Stricken gehörte im 19. Jh. zur weiblichen Sozialisation. Mädchen fingen teilweise schon im Alter von vier Jahren mit dem Strümpfestricken an, noch bevor sie Lesen und Schreiben lernten. Noch bis Ende des 20. Jhs. wurden an den Schulen nur die Mädchen in Handarbeit unterrichtet.

Mit dem Aufkommen der DIY-Bewegung (Do It Yourself) erlebte das Stricken in den letzten Jahren einen Aufschwung. Aktivistinnen brachten das weiblich konnotierte und hauptsächlich im Privaten verortete Stricken als «Urban Knitting» in den öffentlichen Raum. Mit bunter Wolle wurden Strassenmasten, Bäume, Statuen und Telefonzellen eingestrickt. Die textile Technik wurde so vom Disziplinierungsinstrument zur subversiven Tätigkeit.
Frauenfelder Wollfrauen
2023
L. 204, B. 64, H. 5.5 cm
Baumwolle mit Polyesterkern, gestrickt; Wolle mit Acrylanteil; gehäkelt; Füllwatte aus Kunstfaser
T 38684
Marianne Stradal, Ulrike Brommer, Mit Nadel und Faden, Kulturgeschichte der klassischen Handarbeiten, Freiburg 1990.

Stricken für die Revolution, in: zukunft forschung, Magazin für Wissenschaft und Forschung der Universität Innsbruck, 2012, Heft 2, S. 38–39.

Sylvia Greiner, Kulturphänomen Stricken, Das Handstricken im sozialgeschichtlichen Kontext, 2002.

Frauenfeld wird bunt, in: Thurgauer Zeitung, 05.06.2023, S. 25.
Schlagwörter: Kunsthandwerk, Textilien, Ereignis