Grafik: Scheibenriss zur Bildscheibe von Johann (Hans) Wendel Locher mit der Maria auf der Mondsichel

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Vitrocenter Romont
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Von einem Wolkenkranz mit Engeln umfasst, erscheint im Zentrum die auf der Mondsichel stehende bekrönte Muttergottes im Strahlenkranz mit dem Jesusknaben in ihrer rechten und dem Zepter in ihrer linken Hand. Zu ihren Füssen eine Schlange mit Drachenkopf (Teufel), die sich um die Mondsichel schlängelt. Neben ihr sind in schmalen Bogenöffnungen die Tugendallegorien der Justitia (röm. Göttin der Gerechtigkeit) mit Schwert und Waage (links) sowie der Prudentia (röm. Göttin der Klugheit) mit Spiegel und Schlange (rechts) platziert. Im Oberbild links und rechts des rahmenden Architekturaufsatzes ist die Verkündigung an Maria festgehalten. Kartusche in der hohen Sockelzone wird links vom knienden Stifter und rechts von dessen oval umkränztem Vollwappen flankiert. Inschrift «Johan Wendel Locher Burger zuo Frouwenfäld Gewäsner Gricht Schriber der Cittadelan Burg inn Presen vnd die Zitt Gricht Schriber Dess Württigen Gottes huss Ittingen. Anno Domyny 1607». Signatur «J Hegli».
Der Frauenfelder Johann Wendel Locher war von 1607 bis zu seinem Tod 1629 Amtmann der Dompropstei Konstanz in Frauenfeld. Daneben übte er für die Kartause Ittingen das Amt des Gerichtsschreibers aus. 1609–1615 sass er im Grossen Rat, 1612–1615 amtete er als Stadtrichter und 1620 war er Schützenhauptmann in der Kriegsmannschaft der Landgrafschaft Frauenfeld. Zudem war er auch Gerichtsschreiber in Bourg-en-Bresse. Womöglich diente der Riss als Vorlage für eine Scheibenstiftung in die Kartause Ittingen, wo Locher Gerichtsschreiber war.

Die dargestellte Mariengestalt ist eine Kombination dreier Marienbildtypen bzw. Marientitel: Die Himmelskönigin Maria mit Krone und Zepter, die Mondsichelmadonna und Maria Immaculata (Maria, die unbefleckt Empfangene), welche das Böse in Gestalt einer Schlange mit ihren Füssen zertrampelt.
Die Verehrung der Muttergottes als Königin geht auf das frühe Christentum zurück. Maria wurde mit der königlichen Würde ausgezeichnet, da sie die Mutter von Jesus Christus ist, der sich selbst als König bezeichnet (Mt 25, 31–40). Der Bildtypus der Mondsichelmadonna wiederum, auch Strahlenkranzmadonna genannt, geht auf die Offenbarung des Johannes zurück, die von einer apokalyptischen Frauengestalt im siegreichen Kampf gegen das Böse handelt, ein Sinnbild für den Triumph der Kirche (Offb 12,1–12). Ab dem hohen Mittelalter wird diese Erscheinung in der darstellenden Kunst mit Maria gleichgesetzt, bis sie schliesslich im 14. Jh. ein autonomes Motiv darstellt. Im späten 16. Jh. entwickelt sich aus der Mondsichelmadonna die Maria Immaculata, die auf dem Konzept beruht, dass Anna, die Mutter von Maria, ihre Tochter unbefleckt empfangen haben soll. Als Bildelement kommt nun der Teufel im Motiv der Schlange oder einem Mischwesen zwischen Schlange und Drachen hinzu (1. Mose 3, 15).
Jegli, Hans (1579–1653), Glasmaler
1607
H. 31.5, B. 21 cm
Braunschwarze Feder auf Papier, grau laviert
T 3348
Brauchli, Hans, Thurgauer Ahnengalerie, Aus der Geschichte der Frauenfelder Locher, Weinfelden 2003, S. 149-152.

Margrit Früh, Ittinger Museum in der Kartause Ittingen, Führer durch das Ittinger Museum, Frauenfeld 1992, S. 35.

https://vitrosearch.ch/de/objects/2661235, aufgerufen am 05.03.2024.
Schlagwörter: Handzeichnung, Glasmalerei, Kunsthandwerk, Hauswirtschaft, Brauchtum, Religion katholisch, Herrschaft, Justiz, Kloster, Heraldik, Allegorie