Islamische Gebetskette, Misbaha (arabisch) und Tesbih (türkisch) genannt, Reisesouvenir von Elias Haffter aus Konstantinopel (heutiges Istanbul, TUR), Osmanisches Reich

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Kette mit 99 Holzperlen, unten Abhänger aus balusterförmigem Stab. Es handelt sich um die Imamperle, die vom Imam gesegnet ist. Diese besteht oben aus einer zugespitzten Perle, geht in einen schmalen Halsring über und setzt sich nach unten in einem profilierten Stab fort. Daran befestigt eine Quaste aus roten Fransen, mit dicht angelegten Metallfäden, Posamentier-Knoten und Flechtkordel.
Nach fünf Perlen beidseitig je eine Scheibe, darauf nach 28 Perlen je eine balustrierte Perle mit Halsring, die Merkperle.
Elias Haffter erwarb den Rosenkranz bei seinem Aufenthalt 1897 in Konstantinopel. In der Thurgauer Zeitung, die 1935 von den Reisen Haffters berichtete (Lit.), steht zum Objekt «[...] ein ‹mohammedanischer› Rosenkranz [...]».
Gemäss den Einträgen in den Mitteilungen und im Eingangsbuch der Naturforschenden Gesellschaft (Lit.) soll das Stück allerdings aus Jerusalem stammen. Es heisst dort «Paternoster aus Rosenholzkugeln aus Jerusalem». Dabei handelt sich um eine falsche Herkunftsbezeichnung. Die Übergabe des Rosenkranzes ans Museum erfolgte Jahrzehnte nach dem Tod des Sammlers Haffter, weshalb der Kontext zu den Gegenständen teilweise verlorenging.

Die islamische Gebetskette heisst im Arabischen «misbaḥa» (مسبحة) oder «subḥa» (سبحة) und im Türkischen «tespih» bzw. «tesbih». Letztere beiden Worte sind dem arabischen «tasbīḥ» entlehnt. Alle diese Bezeichnungen gehen auf die Schriftzeichen s (س ) – b (ب ) – ḥ (ح) zurück, die «[Gott] preisen» oder «[Gott] verherrlichen» bedeuten und auf denselben Wortstamm zurückzuführen sind. Misbaḥa und Subḥa beziehen sich auf die Kette, während Tasbīḥ die Handlung meint, nämlich das Sprechen der Preisformel Subḥān Allāh. Tespih und Tesbih benennen beides, die Kette wie auch die Gebetshandlung (Lit. Encyclopedia).
Im Unterschied zum christlichen Rosenkranz gliedert die Misbaha kein Reihengebet mit vorgeschriebenen Betrachtungen (Geheimnissen), sondern dient als Hilfsmittel für das Dhikr, das «Gedenken Gottes». Wer betet, schiebt die Perlen einzeln mit dem Daumen weiter und spricht zu jeder Perle eine kurze Preisformel. Die Kette hilft, die Wiederholungen zuverlässig abzuzählen und sich ganz auf die Andacht einzulassen (Lit. Schimmel).
In ihrer verbreitetsten Form besteht die Misbaha aus 99 Perlen, die den «99 schönsten Namen Gottes» (al-asmāʾ al-ḥusnā) entsprechen. Zwei kleinere oder markante Merkperlen teilen die Schnur in drei gleich lange Abschnitte von je 33 Perlen. Zwischen den beiden Enden liegt eine grössere längliche Abschlussperle, als Imam- oder Vorsteherperle bezeichnet, die den Anfang und das Ende der Zählung markiert und eine Quaste trägt. Daneben gibt es auch kürzere Ketten mit 33 Perlen, die man dreimal durchzählt, um wieder auf 99 zu kommen (Lit. Wensinck).
Das vorliegende Exemplar entspricht der längeren Variante mit 33 Zählperlen in drei Abschnitten. Allerdings weisen der erste und der letzte Abschnitt je eine Besonderheit auf. Auf 28 Perlen folgt je eine scheibenförmige Perle und daran anschliessend nochmals fünf Perlen bis zur Imamperle. Die scheibenförmigen Perlen sind keine Zählperlen, sondern gestalterische Elemente. In der Imamperle laufen die beiden Schnurenden zusammen, die unter der Perle verknotet sind. Die nachfolgende Quaste verdeckt den Knoten.
Die Imamperle markiert tastbar Anfang und Ende der Zählung, was beim Beten mit gesenktem Blick oder im Dunkeln nützlich ist. Zudem gibt sie der Kette für ein flüssiges Durchschieben der Perlen das nötige Gegengewicht. Darüber hinaus dient sie der Verzierung.
Ihren festen Platz hat die Kette im Anschluss an die fünf täglichen Pflichtgebete, die Salāt. Wer diese beendet hat, spricht nacheinander drei kurze Formeln, zunächst das Tasbīḥ (Subḥān Allāh, Preis sei Gott), dann das Taḥmīd (al-ḥamdu li-llāh, Lob sei Gott) und schliesslich das Takbīr (Allāhu akbar, Gott ist grösser), jede Preisformel 33 Mal. Die Kette zu drei Abschnitten mit je 33 Perlen gegliedert, entspricht der Anzahl der Nennung der drei Formeln. Im Anschluss kommt häufig ein weiteres Takbīr oder ein Tahlīl (lā ilāha illā llāh, es gibt keinen Gott ausser Gott) hinzu.
Im Weiteren lässt sich die Kette dazu verwenden, die 99 Namen Gottes zu rezitieren oder eine einzelne Formel immer wieder anzurufen (Lit. Schimmel).
Über ihren Gebrauch nach den täglichen Pflichtgebeten hinaus, spielt die Misbaha auch im persönlichen Frömmigkeitsleben vieler Musliminnen und Muslime eine wichtige Rolle. Sie ermöglicht das Dhikr nicht nur in der Moschee, sondern auch im Alltag, etwa während des Gehens, Reisens oder in stillen Momenten der Einkehr. Besonders in der islamischen Mystik (Sufismus) nimmt das wiederholte Gedenken Gottes einen zentralen Stellenwert ein und kann sowohl einzeln als auch gemeinschaftlich praktiziert werden. Die Gebetskette ist dabei kein religiös vorgeschriebenes Objekt, sondern ein Hilfsmittel, das die Andacht unterstützt und die regelmässige Hinwendung zu Gott erleichtert (Lit. Wensinck).

Die Kette wurde in Handarbeit hergestellt und abschliessend mit der gesegneten Perle ergänzt. Vorliegendes Stück weist unten nach fünf Perlen einen Abschnitt auf, was ungewöhnlich ist. Vermutlich handelt es sich um ein Souvenir für Reisende. Darauf weist auch die kunstvolle textile Ergänzung hin.
2. Hälfte 19. Jh.
L. (ohne Quaste) 100 cm
Perlen aus Granatapfelbaumholz, gedrechselt, geschliffen, aufgezogen auf Seidenzwirn; Rundgeflecht mit Quaste aus Seidenfäden und Metallfäden
1228
Mitteilungen der Thurgauischen Naturforschenden Gesellschaft, Heft 27, 1928, 1. Korrekturausgabe S. 6.

Eingangsbuch der Thurgauischen Naturforschenden Gesellschaft, Eingang 1934.

Dr. Haffter als Sammler, Thurgauer Zeitung, Bd. 137, Nr. 197, 23.08.1935, https://www.e-newspaperarchives.ch/?a=d&d=TGZ19350823-01.2.9.1, aufgerufen am 08.08.2026.

Arent Jan Wensinck, Dhikr, in: The Encyclopaedia of Islam, 2. Bd., hrsg. von P. Bearman u.a., Leiden 1965, S. 741–742.

Markus Oettli, Elias Haffter jun. (1851–1909), Spitalarzt in Frauenfeld, (Thurgauer Beiträge zur Geschichte, Bd. 132), 1995, S. 135–140.

Annemarie Schimmel, Sufismus, 2000, S. 20.

Encyclopedia of Islamic Civilisation and Religion, London/New York 2008, S. 95, 422.
Schlagwörter: Ethnografica, Hauswirtschaft, Persönliche Accessoires, Religion Islam