Lange Halskette aus braunem geflochtenem Haar, mit Anhänger aus Walzgold

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Kette aus mittelbraunem Kordelgeflecht in zwei verschiedenen Mustern, unten gefasst in nach unten spitz zulaufendem Schild mit eingeschwungenen Seiten, daran Öse, vier Kettenglieder, einklappbare Hakenöse (Karabiner) an konischem Glied. Anhänger in geschwungener Schildform, mit Scharnier zum Öffnen, auf Innenseiten je eine hochovale Aussparung, um Andenken wie Fotografien oder Haare einzulegen. Oval mit blaumetallisiertem Papier hinterlegt, linke Seite verglast. Auf Vorderseite des Anhängers Stern (in der Mitte fehlt der Stein), Rückseite mit Hammermuster, beidseitig mit profiliertem Rand mit feiner gestrichelter Rahmung.
Im oberen Viertel der Kette herzförmiges verschiebbares Zwischenglied, durch welche die zwei Kettenstränge verlaufen, damit die Kette auf Höhe des Schlüsselbeins zu liegen kommt. Herz auf Vorderseite mit Blattranken, die dunkel konturiert und mit gewabtem Grund sowie mittigem hellblauem Stein (Opal) versehen sind.
Die Kette trug Sophie Kopp (1869–1943) aus Dussnang, wobei im Innern des Anhängers die Fotografie ihres Gatten, des Sattlermeisters Ferdinand Kopp (1870–1945), lag.

Dem menschlichen Kopfhaar wird seit der Antike magische Bedeutung zugemessen. Als Ausdruck von Vitalität verkörpert es die Lebenskraft und die Seele der Person, die es trägt. Eine Haarsträhne oder eine Locke war daher ein wertvolles einzigartiges persönliches Andenken an eine geliebte Person und stand stellvertretend für diesen nicht mehr anwesenden Menschen. Daher eignete sich menschliches Haupthaar ausgezeichnet für die Herstellung von kunstvoll gestaltetem Schmuck wie Ohrhänger, Hals- und Uhrenketten, Armbänder und Vorstecknadeln. Solche aus Haaren bestehende persönliche Accessoires wurden erstmals im Barock angefertigt, als Massenphänomen erlebten diese Stücke ihre Blütezeit im Biedermeier im 19. Jh., als in den skandinavischen Ländern, im Deutschen Reich, in der Habsburger Monarchie und der Eidgenossenschaft ein eigentlicher Boom nach dem zierlichen künstlerisch und kunsthandwerklich exklusiven Schmuck ausbrach. In der Schweiz war es insbesondere die Ostschweiz, wo die Kunst aus geflochtenem, gewobenem und geklöppeltem Haar emotional aufgeladene Erinnerungsstücke an verstorbene und lebende Personen herzustellen, gepflegt wurde. Das zu Lebzeiten bei Seite gelegte Haar wurde im Todesfall oder anlässlich eines freudigen Ereignisses wie einer Verlobung einem Fachmann übergeben, der daraus das gewünschte Stück anfertigte. Frauen arbeiteten zwar zahlreich in diesem florierenden Kunsthandwerk mit, allerdings in der Regel im Hintergrund als Angestellte. In auf Haarschmuck spezialisierten Schmuckgeschäften konnten die Kunden und Kundinnen anhand von Mustertafeln die in der Regel aus Walzgold angefertigten metallenen Teile und die Verarbeitungsart ihrer Haare auswählen. Bekannte Grössen auf diesem Markt waren Johann Jakob Rohner, der in Herisau ein Geschäft betrieb, sowie der Winterthurer Heinrich Etter. Zwar handelt es sich um günstigen Modeschmuck, was die Werkstoffe Haar und Walzgolddoublé (eine Goldlegierungsauflage auf unedlem Metall wie Kupfer) anbelangt, der jedoch ebenso von den wohlhabenden Schichten getragen wurde.
1885–1900
L. 32 cm
Kordelgeflecht aus braunem Haar; Kupfer, vergoldet (Walzgold), Opal
T 50633
Gisela Zick, Gedenke mein. Freundschafts- und Memorialschmuck 1770–1870, Dortmund 1980.

Johannes Schläpfer, Schmuck aus Haar, Lege zwei über drei, zwei über eins, drei über vier, Schwellbrunn 2021.
Schlagwörter: Hauswirtschaft, Persönliche Accessoires, Schmuck, Kunsthandwerk, Gewerbe, Symbol