Militärische Kopfbedeckung: Bärenfellmütze eines Grenadiers der fürstäbtischen Truppe St. Gallen

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Sarah Obrecht, Textilkonservierung & -Restaurierung, Bern Sarah Obrecht, Textilkonservierung & -Restaurierung, Bern
Sarah Obrecht, Textilkonservierung & -Restaurierung, Bern

Sarah Obrecht, Textilkonservierung & -Restaurierung, Bern

Hohe, oben zur gerundeten Spitze auslaufende Mütze mit Vorder- und halbem Hinterteil aus Bärenfell. Hinten zipfelförmiger Ausläufer aus rotem Wollstoff, eingefasst mit goldener Borte und am Ende mit ebensolcher Quaste versehen. Am roten Kopfteil hinten herzförmige Goldborten-Verzierung, in der Mitte des Zipfels vertikale Borte. Am Mützenvorderteil unten schildförmiger roter Stoff mit Goldborte und getriebenem Abzeichen aus Messing in Form einer zündenden Granate. Am Hinterkopf ist im Fellbereich ein Verschluss aus einer Lederlasche und einer Metallschnalle mit drei Dornen angebracht. Innenseite gefüttert mit rohem Leinengewebe.


Im letzten Drittel des 17. Jhs. kam auf den Schlachtfeldern Europas eine neue Waffe zum Einsatz, die Granate. Spezifisch für die gefährliche Handhabung ausgebildete Infanteristen warfen die gezündeten Sprengkörper in die feindlichen Reihen. Diese Soldaten, die bald einen Elitestatus erlangten und von hoher Gestalt sein mussten, trugen eine aus Tuch und Fell bestehende hohe Mütze, die sie noch grösser erscheinen liess. Ab dem 18. Jh. zählten zu den Schweizer Milizheeren und den Schweizer Regimentern in fremden Diensten auch Grenadierkompanien, die zu den Infanterie-Bataillonen gehörten.
Wahrscheinlich trug diese Mütze ein Grenadier aus dem Heer des Fürstabtes von St. Gallen. Zumindest legen Dokumente zum Objekt diese Zuschreibung nahe. Seit 1742 unterhielt der St. Galler Abt, neben seiner regulären Garde, ein Regiment, das der spanischen Krone diente, nämlich das 2. Schweizer Regiment, das mit einer Grenadierkompanie à 100 Soldaten ausgestattet war. Bis 1798 hatte der zwischen dem St. Galler Abt und dem spanischen König bestehende Truppenlieferungsvertrag Gültigkeit, durch welchen auch Thurgauer unter spanischer Krone kämpften. Denn in vielen Ortschaften im Ostthurgau hatte der Abt das Recht, Soldaten anwerben (Mannschaftsrecht) zu lassen, wie beispielsweise in Zihlschlacht, von wo die Mütze stammt und im 19. Jh. dem Museum übergeben wurde.
Die Grenadiermütze entwickelte sich aus der Zipfelmütze, einer seit der Antike bekannten spitzen Kappe. Diese Art der Kopfbedeckung wurde in Frankreich als Quartiermütze getragen und kam bald bei den Grenadieren auf, da die breitkrempigen Militärhüte beim Werfen der Granaten oder beim Umhängen des Gewehrs über die Schultern, um den Wurf ausüben zu können, hinderlich waren. Daher trugen die französischen Grenadiere ab der 2. Hälfte des 17. Jhs. bequeme, aber unmilitärisch aussehende Quartiermützen. Um dieser Kopfbedeckung ein würdiges Aussehen zu verleihen, wurde sie umgestaltet, wobei die hohe Form blieb. So wurde der Mützenbeutel aufgestellt und mit einem Frontblech verstärkt. Veredelt wurde die Kappe mit Bärenfell. Den Mützenzipfel wiederum beliess man als dekoratives Element, das, mit einer Quaste versehen, hinten herunterhing.
Da die stattlichen grossgewachsenen Grenadiere gerne zu Repräsentationszwecken und Paraden beigezogen wurden, entwickelten sich ihre Mützen zu unpraktisch hohen Kopfbedeckungen, welche die Soldaten letztendlich nur noch bei feierlichen Anlässen trugen. Im Feld kam eine niedrigere Variante zum Einsatz. Die platzende Granate, auf dem vorliegenden Exemplar in Form eines getriebenen Messingschilds vorne angebracht, war das Symbol der Grenadiere, das ebenso Patronentaschen und in Form von Stoffabzeichen die Umschläge der Rockschösse verzierte.
In der Stadt St. Gallen waren neben den äbtischen auch die städtischen Truppen im Einsatz, zu deren Reihen seit 1697 Grenadiere zu Fuss und ab 1701 solche zu Pferd zählten. Der Bericht «Beschreibung des st. Gallischen Kreuz-Kriegs» (Kantonsbibliothek St. Gallen, Manuskript 159b, f. 45V–47R) veranschaulicht den «seltsamen» Hut der Grenadiere, der ein hoher Gupf in «türkischer» Form gewesen sein soll. Vermutlich wurde er mit dem im Osmanischen Reich gerne getragenen Fes verglichen. Das St. Galler Ratsprotokoll von 1737 (S. 275–276) hält zudem fest, dass Grenadiere junge starke ansehnliche Männer sein sollten.



um 1760/2. Hälfte 20. Jh.
H. 65, B. 36, T. 12.5 cm
Kartonkern, Bärenfell, Wollfilz, Goldflechtborte aus Metalllahn mit Seele aus Pflanzenfasern, Leinenfutter, Leder, getriebenes Messing, Eisenschnalle; Originale Teile hand-, neue Teile maschinengenäht
T 25539
Leo Neuhaus, Die Schweizerregimenter in Spanien 1734–1835 (Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Bd. 8), 1958, S. 226–230.

Louis Hürlimann, Wiler und Toggenburger Söldner in spanischen Diensten (Toggenburger Annales, kulturelles Jahrbuch für das Toggenburg, Bd. 1), 1974, S. 9–15. https://www.e-periodica.ch/cntmng?pid=toj-001%3A1974%3A1%3A%3A144, aufgerufen am 25.03.2024.

Stephan Staub, Jus Statutarium veteris territorii Principalis Monasterii Sancti Galli, Ein Beitrag zur Rechtsgeschichte von Kloster und Kanton St. Gallen, Dissertation Hochschule St. Gallen, 1988, S. 12–15, 52, 59–67.

Ernst Ziegler, Die Milizen der Stadt St. Gallen, 1992, S. 92–104, 267–280, Abbildungen S. 388–389.

Adrian Zeller, Söldner: Armut, Abenteuerlust und Aussicht auf Beute, in: Die Ostschweiz, 31.08.2023. https://www.dieostschweiz.ch/artikel/soeldner-armut-abenteuerlust-und-aussicht-auf-beute-l6VEKdK, aufgerufen am 25.03.2024.
Schlagwörter: Militaria, Kloster, Bekleidung Mann, Tier