Miniaturporträt mit dem preussischen Offizier Paul Gonzenbach (1724–1799)

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Brustbildnis im Profil. Bekleidet ist der Porträtierte mit einem blauen Uniformrock mit hohem schwarzem Umlegekragen und ebensolchen Brustaufschlägen mit Silberknöpfen und Silberstickerei, darunter eine gelbe Seidenweste sowie ein Spitzenjabot. Sein graues Haar trägt er nach hinten gekämmt und zu einer waagrechten Locke über den Ohren und einem langen, mit schwarzem Seidenband umwickelten Zopf frisiert. Dieser ist im Nacken mit einer schwarzen Schleife gebunden und fällt ihm über den Rücken.
Diese Haartracht mit dem bis zur Taille reichenden Zopf war für preussische Soldaten seit anfangs des 18. Jhs. verbindlich und somit auch für Oberst Paul von Gonzenbach.

In ovalem Holzrahmen mit Messingbeschlag. Rückseitige Holzabdeckung beschriftet «FG C – SE Paul v. Gontzenbach Königl. Preussischer Ingenieur Major. Gezeichnet in Graudenz in West Preussen den 12[ten] November 1788.».
Die Familie Gonzenbach in Hauptwil war die erste Industriellenfamilie der Schweiz. Zuerst prominent und erfolgreich im St. Galler Leinwandhandel tätig, bauten zwei ihrer Mitglieder, die Brüder Bartholome (1616–1693) und Hans Jakob I. (1611–1671), in der 2. Hälfte des 17. Jhs. ein frühindustrielles höchst profitables Unternehmen auf, indem sie Leinwandstoff, frei von städtischen Verordnungen, produzierten und veredelten sowie mit den Tuchballen Handel betrieben. Aufgrund von Unstimmigkeiten mit der konservativen St. Galler Kaufmannschaft richteten die Brüder Gonzenbach im Osten des Thurgaus, an der Grenze zu St. Gallen, Fabrikationsstätten ein, weshalb sich das kleine landwirtschaftlich geprägte Dorf Hauptwil innerhalb weniger Jahre zu einem Zentrum der europäischen Leinwandproduktion entwickelte. Waren vorerst die Herstellung und das Bleichen des Tuches lukrative Standbeine des Geschäfts, erlangte das Färben und Bedrucken der Textilien im Verlauf des 18. Jhs. grosse Bedeutung. Die Familie pflegte einen gehobenen Lebensstil in Anlehnung an den Geschmack des Adels und bewohnte die zwei herrschaftlichen Gebäude, das Alte (Untere) und das Neue (Obere) Schloss in Hauptwil. Auch gehörten ihr die Niedergerichte Hauptwil und Freihirten. Zudem machten einzelne Familienmitglieder vom Adelsprädikat «von» Gebrauch, obschon dem Namenszusatz weder kaiserliche noch königliche Verbriefungen zugrunde lagen.
Einer, der seinen Namen konsequent nobilitierte, war Paul Gonzenbach. Der Beruf als Offizier im preussischen Heer mag dabei eine Rolle gespielt haben, denn als hoher Militär stand er wohl stetig in Kontakt mit deutschen Adligen.
Paul war der Urenkel von Hans Jakob I. Gonzenbach. Er wuchs in Leipzig auf und trat als 18-Jähriger in den militärischen Dienst des preussischen Königs Friedrich des Grossen ein. Dort durchlief er eine steile Karriere und entwickelte sich zum Spezialisten für die Errichtung von Befestigungsanlagen. In leitender Funktion als Ingenieuroffizier war er beim Bau der Ost-Festungen Glatz, Silberberg und Graudenz beteiligt. Die Errichtung der letzteren Bastei dauerte von 1775 bis 1789 und war ein gewaltiges Projekt, bei welchem in Spitzenzeiten 5000 Arbeiter, 600 Maurer, 180 Ziegelstreicher und 180 Bergleute im Einsatz waren und 70 000 Feldsteine sowie 113 Millionen Ziegel verbaut wurden. Das Bild zeigt Gonzenbach während seiner Zeit in Graudenz, kurz vor Abschluss der Bautätigkeit. Gegen Ende seiner Laufbahn war er als Inspektor für die Bollwerke in der ostpreussischen Provinz Pommern und die Ertüchtigung des Festungswerks Pillau (RUS) verantwortlich.
Zu seiner Familie in Hauptwil pflegte der ledige Paul Kontakt, zog doch seine ebenfalls unverheiratete Schwester, der er sehr zugetan war, in fortgeschrittenem Alter zu den Verwandten nach Hauptwil.
1788
H. 13.5, B. 11.5 cm
Gouache
T 28200
Ernest Menolfi, Hauptwil-Gottshaus, Frauenfeld 2011, S. 65–127, 362–363.

Peter Letkemann, Paul von Gonzenbach, Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen. https://kulturstiftung, org/biographien/gonzenbach-paul-von-2, aufgerufen am 08.01.2025.
Schlagwörter: Hauswirtschaft, Malerei, Porträt, Militaria, Industrie, Textilien