Miniaturporträt von Ursula Gonzenbach (1751–1805)

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Rundes Brustbild mit Dreiviertel-Profil von Ursula Gonzenbach. Diese trägt ein blau-rotes Kleid mit Dekolleté, ihr braunes Haar ist mit einem Band hochgesteckt. Sie schaut im Bild nach rechts.
Die feine Malerei liegt im hochovalen Metallrahmen aus der Zeit, oben mit Blattranken als Aufhängevorrichtung, auf der Rückseite ausklappbar, um das Bild auf eine Fläche stellen zu können.
Auf der Rückseite der Malerei steht der Name des Malers «Zell pinx». Vermutlich handelt es sich um die Signatur des deutschen Porträtisten Johann Georg Zell (1740–1808). Auf der Rückseite des Rahmenkartons ist der Name der Abgebildeten geschrieben.
T 28190 und T 28191 bilden Ehepaar-Pendants.

Solche kleinen Bildnisse wurden als Geschenk für eine nahestehende Person angefertigt und in einem Medaillon-Anhänger an einem Samthalsband getragen.
Die Familie Gonzenbach in Hauptwil war die erste Industriellenfamilie der Schweiz. Zuerst prominent und erfolgreich im St. Galler Leinwandhandel tätig, bauten zwei ihrer Mitglieder, die Brüder Bartholome (1616–1693) und Hans Jakob I. (1611–1671), in der 2. Hälfte des 17. Jhs. ein frühindustrielles höchst profitables Unternehmen auf, indem sie Leinwandstoff, frei von städtischen Verordnungen, produzierten und veredelten sowie mit den Tuchballen Handel betrieben. Aufgrund von Unstimmigkeiten mit der konservativen St. Galler Kaufmannschaft richteten die Brüder Gonzenbach im Osten des Thurgaus, an der Grenze zu St. Gallen, Fabrikationsstätten ein, weshalb sich das kleine landwirtschaftlich geprägte Dorf Hauptwil innerhalb weniger Jahre zu einem Zentrum der europäischen Leinwandproduktion entwickelte. Waren vorerst die Herstellung und das Bleichen des Tuches lukrative Standbeine des Geschäfts, erlangte das Färben und Bedrucken der Textilien im Verlauf des 18. Jhs. grosse Bedeutung. Die Familie pflegte einen gehobenen Lebensstil in Anlehnung an den Geschmack des Adels und bewohnte die zwei herrschaftlichen Gebäude, das Alte (Untere) und das Neue (Obere) Schloss in Hauptwil. Auch gehörten ihr die Niedergerichte Hauptwil und Freihirten. Zudem machten einzelne Familienmitglieder vom Adelsprädikat «von» Gebrauch, obschon dem Namenszusatz weder kaiserliche noch königliche Verbriefungen zugrunde lagen. Im Weiteren verhinderte ein Fideikommiss (Familienstiftung) die Schmälerung des Vermögens aufgrund von Erbteilungen. Um 1700 kam es zum Zerwürfnis der beiden Familienzweige, die auf die Gründer der Industriellendynastie, Bartholome und Hans Jakob, zurückgingen. Durch die Heirat von Anton III. Gonzenbach, einem Ururenkel von Bartholome, und Ursula Gonzenbach, einer Ururenkelin von Hans Jakob I., die 1770 stattfand, kamen sich die beiden Häuser wieder näher. Während die Familie von Ursula das herkömmliche Leinwandgeschäft betrieb, baute der Vater und Onkel von Anton III. eine Indienne-Textildruckerei auf, in welchem mit Holzmodeln Baumwollstoffe farbig bedruckt wurden. Anton III. führte das Geschäft gewinnbringend weiter und baute es aus, wobei sich seine Gattin in unternehmerische Angelegenheiten einbrachte. Ab 1783 bewohnten Anton III. und Ursula Gonzenbach das prachtvoll ausgestattete Kaufhaus in Hauptwil. Zum vornehmen Lebensstil des Textilfabrikanten gehörte auch die Anstellung eines Hauslehrers für seine Kinder. Zur Zeit als die Malerei entstand, engagierte das Paar den deutschen Dichter Friedrich Hölderlin (1770–1843) für den Unterricht seiner Kinder. Hölderlins Anstellung dauerte kurz vom Januar bis April 1801.
Zell, Johann Georg, vermutlich (1740–1808), Historien- und Porträtmaler
um 1800
H. 3.5, B. 3 cm
Gouache? auf Elfenbein; Messingrahmen; Karton
T 28191
Lothar Kempter, Hölderlin in Hauptwil, in: Schriften der Hölderlingesellschaft 9, Tübingen 1975, S. 21–22.

Stefan Keller, Spuren der Arbeit, Weinfelden 2020, S. 7–18.
Schlagwörter: Hauswirtschaft, Malerei, Porträt, Andenken, Erinnerung, Industrie, Textilien