Münze: Einseitiger Rappen der Stadt Thann in den habsburgischen Vorderen Landen, geprägt in Thann zur Zeit von Sigismund des Münzreichen (1439–1490), Erzherzog von Tirol

zurück

Vs.: In glattem Wulstreif und Perlkreis gespaltenes Wappen Österreich-Thann in Halbrundschild mit geschweifter Oberkante und Rautendamaszierung.
Seit dem 11. Jh. bildeten sich im Bereich des ehemaligen Karolingerreichs in Westeuropa unterschiedliche Währungsräume aus. Anstelle des karolingischen Denars (Silberpfennig), der im ganzen Herrschaftsbereich der Karolinger gültig war, traten nun unterschiedliche Pfennigsorten in Machart, Bild, Gewicht und Silbergehalt, welche exklusiv in ihren Währungsgebieten zirkulierten, dies aufgrund der zunehmenden politischen und territorialen Zerstückelung des einstigen Reichs. Jeder dieser Währungsräume wurde von einer Leitmünzstätte beherrscht, deren Pfennig (Münze/Nominal) von den umliegenden Münzstätten nachgeahmt wurde.

Aufgrund ihrer Machart wird die Münze zu den Brakteaten bzw. Hohlpfennigen (für Prägungen des Spätmittelalters und der Neuzeit) gezählt, welche seit dem Ende des 12. Jhs. in verschiedenen Regionen Deutschlands, der Schweiz und im Elsass geprägt wurden. Der Name Brakteat beruht auf der lateinischen Bezeichnung «bractea» für dünnes Blech. Eine Bezeichnung, die erst Ende des 17. Jhs. unter den Numismatikern aufkam, um diese Gruppe mittelalterlicher Pfennige zu benennen. Kennzeichen dieser Münzen sind die einseitige Ausprägung auf einem dünnen Silberschrötling (Münzplättchen). Das tief gravierte Bild im Prägestempel bewirkt, dass das Prägebild auf der Vorderseite der Münze ein hohes Relief aufweist, während sich auf der Rückseite der Münze – aufgrund der speziellen Prägetechnik und der geringen Dicke des Schrötlings – das Spiegelbild vertieft abzeichnet.

Um der sich ausbreitenden Münzverschlechterung durch unterschiedliche Münzherren Einhalt zu gebieten, bildeten sich seit dem 14. Jh. in verschiedenen Regionen des Deutschen Reichs Münzbündnisse, welche vor allem von den Handelsstädten angeführt wurden. Am Oberrhein ging aus mehreren Vorgängerbündnissen mit wechselnden Bündnispartnern 1403 der Rappenmünzbund hervor. Benannt wurde er nach dem Rappen, der Hauptmünzsorte des Bunds. Dieses Münzbündnis, welches wiederholt verlängert wurde, bestand bis 1584 und regelte den Münzumlauf am Oberrhein. Mitglieder waren die Städte Basel, Breisach, Colmar, Freiburg i. Br. und der Herzog von Österreich (Münzstätte Thann) für seine Besitzungen im Elsass, Breisgau und Schwarzwald. Auf periodisch abgehaltenen Bundestagen wurden Richtlinien zur Prägung der Bundesmünzen festgelegt (Aussehen, Gewicht, Nominal und Silberlegierung) und die Arbeit der Münzpolizei (Kontrolle des Münzumlaufs im Bundesgebiet) geregelt.

Die vorliegende Münze ist ein Rappen der oberelsässischen Stadt Thann, die als Münzstätte des Herzogs Sigismund von Österreich, Graf von Tirol, ebenfalls Münzen nach den Vorgaben des Rappenmünzbunds prägte. Die Situation der Stadt als Besitzung des Herzogs von Österreich mit eingeschränkter städtischer Selbstständigkeit kommt im Wappen zum Ausdruck: Zweigeteilt weist es mit dem österreichischen Bindenschild (horizontaler silberner Balken in Rot) auf die Oberherrschaft des Herzogs von Österreich über die Stadt hin, gleichzeitig spielt die Tanne als redendes Wappen durch die Wappenfigur auf den Stadtnamen an. Der Rappen zeigt seine Zugehörigkeit zum Münzbund durch die einseitige Ausprägung in der Art der Brakteaten, seine runde Form und dem Münzbild mit dem jeweiligen Wappenschild des prägenden Bundesmitglieds in einem glattem Wulstreif und dickem Perlkreis an.
1480 und später
D. 15.5 mm
Silber, Prägung
T 35316
Erich Bernhard Cahn, Sammlung Gottlieb Wüthrich, Münzen und Medaillen der Schweiz und ihrer Randgebiete, Münzen und Medaillen A. G. Basel, Auktion 45, 25.–27. November 1971, Basel 1971, Nr. 67.

Rahel C. Ackermann, Reto Marti, Eine Börse aus Aesch BL um 1500, in: Schweizerische Numismatische Rundschau, Bd. 84, 2005, S. 169–186, Nr. 18.
Schlagwörter: Numismatik, Herrschaft, Heraldik, Botanik