Münze: Neuschöpfung eines Denars des Gallischen Sonderreiches, vermeintlich geprägt zur Zeit des Kaisers Tetricus I. (271–274 n. Chr.)

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Vs.: Umschrift: «IMP C TETRICVS P F AVG» (Imperator Caius Tetricus Pius Felix Augustus). In Perlkreis Porträtbüste des bärtigen Tetricus I. im Harnisch nach rechts, mit Lorbeerkranz (Symbol des Sieges und Ruhmes).
Rs.: Umschrift: «P M TR P COS P P» (Pontifex Maximus, Tribunicia Potestate, Consul, Pater Patriae). In Perlkreis stehender Tetricus I. nach links, ein Zepter (Symbol für die Herrschaft) in der Linken und einen Zweig in der Rechten haltend.
Die Regierungszeit von Kaiser Gaius Pius Esuvius Tetricus I. war kurz. Er herrschte über einen Teil des Römischen Reiches, zu dem Spanien, Gallien, Britannien und Germanien gehörten. Tetricus I. liess in Trier und in Köln Doppeldenare aus Kupfer prägen, aber keine Denare aus Silber wie das vorliegende Exemplar, bei dem es sich um eine neuzeitliche Erzeugung handelt, die in Mannheim oder Offenbach am Main (DEU) hergestellt wurde.

Den Münzstempel zu diesem Denar schuf der deutsche Medailleur Carl Wilhelm Becker (1772–1830), der aufgrund seiner Tätigkeit, antike und mittelalterliche Geldstücke und Medaillen nachzuprägen oder eigene vermeintlich historische Schöpfungen anzufertigen, als «Antiken-Becker» bekannt war. Becker war ein geschätzter Numismatiker, Kunst- und Antiquitätenhändler sowie Bibliothekar und Hofrat des Fürsten Carl von Isenburg. Um 1805 begann er mit der Produktion täuschend antik aussehender Stücke, wobei er abgegriffene originale Schrötlinge für seine Prägungen benutzte und die Stücke Behandlungen unterzog – beispielsweise der Lagerung in Mist –, damit diese eine entsprechend gealterte Oberfläche aufwiesen. Die von ihm in Umlauf gebrachten Exemplare wurden schon zu seinen Lebzeiten als Fälschungen erkannt, weshalb er sich als Hersteller dieser Stücke zu erkennen gab und ein Verzeichnis seiner Werke veröffentlichte. Insgesamt hat er als kunstfertiger und geschickter Stempelschneider über 600 Stempel angefertigt. Becker verstand sich nicht als Fälscher. Seine Repliken und selbst erfundenen Ausführungen waren bereits während seiner Schaffenszeit gefragte Kunstwerke und werden heute pekuniär gleichwertig gehandelt wie original antike Stücke.

Das vermeintlich antike Exemplar war im Besitz der Kantonsschule Frauenfeld, die 1853 eröffnet wurde und im 19. Jh. eine Sammlung pflegte, die neben botanischen, zoologischen und ethnografischen auch numismatische Stücke umfasste. Letztere kuratierte der Kantonsschullehrer Josef Büchi (1849–1921), Altphilologe, Althistoriker und Aktuar des Historischen Vereins des Kantons Thurgau, der die Münzensammlung inventarisierte und dazu den ersten Münzkatalog verfasste, in welchem um die 200 Einzelstücke neben der summarischen Registrierung der 155 im Schaarenwald bei Schlatt ausgegrabenen Exemplare beschrieben sind.
Becker, Carl Wilhelm (1772–1830), Medailleur
"271–274 n. Chr." (um 1806–1830)
D. 21 mm
Silber, Prägung
T 34780
Josef Büchi, Münzinventar, 1893?, S. 35, Nr. 97.59 und S. 59, Nr. 35.10.

Gustav Büeler, Joseph Büchi (Nachruf) (Thurgauische Beiträge zur vaterländischen Geschichte, Bd. 60), 1921, S. 92–94.

George Francis Hill, Becker the Counterfeiter, London 1955, Nr. 241.

Carl Wilhelm Becker, Offenbach.de, Das Portal der Stadt Offenbach, Unterwegs in Offenbach, Kultur, Haus der Stadtgeschichte, Museum & Archiv, Schausammlung, Neuzeit, letzte Bearbeitung 26.04.2012.
Schlagwörter: Numismatik, Herrschaft, Porträt, Symbol