Standstutzer, Hinterlader nach dem System Martini, Schützenwaffe mit Senkblockverschluss

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Schwerer kannelierter brünierter Lauf, im hinteren Bereich auf einer Länge von 30 cm oktogonal und ebenso im Kornbereich auf einer Länge von 9 cm. Hinten Gleitschiene mit Quadrantenvisier mit langem Blatt und Stellung für 200 bis 800 m. Verstellbares Sattelkorn mit Schwalbenschwanz. Geschweifter Abzugsbügel mit Fingerhaken, aufklappbar zum Spannen des Abzugs, Stecherabzug, angeschraubtes Bügelblatt. Kolbenkappe mit Stellhorn- und -schraube. Am Vorderlauf angebrachte Öse auf Konsole für Riemenbügel (dieser fehlt), hinterer Riemenbügel auf angeschraubtem Montageblatt. Zweiteiliger hälftiger Nussbaumholzschaft, Vorderschaft vorne verdickt abgerundet und mit Schieberbefestigung. Beidseitig am Schaft je vorne und hinten flache kantig gezogene, halbrunde Fläche in der Verlängerung des Verschlusskastens (typische Gestaltung bei Martini-Gewehren, in Form einer Rahmung des Verschlusskastens).
Kolben mit tiefem grossem Wangenausschnitt links sowie zur sicheren Handhabung schräg verlaufender Kante rechts, geschweiftem Abschluss.

Schläge: Auf Verschlusskasten Hersteller «DL. GEHRER FRAUENFELD SCHWEIZ» sowie Fabrikationsnummer «287».

Diese Konstruktion ermöglichte das Zielen mit dem linken Auge bei rechtem Anschlag.
Schusswaffen mit dem System, das Friedrich von Martini konstruiert hatte, kamen 1869 in Zug erstmals an einem eidgenössischen Schützenfest zum Einsatz.
Der in Ungarn geborene Konstrukteur und Erfinder Friedrich von Martini (1833–1897) studierte in Wien und Karlsruhe, bevor er beim Unternehmen Sulzer in Winterthur im Konstruktionsbüro tätig war. 1863 übernahm er gemeinsam mit Heinrich Tanner (1832–1898), dem technischen Leiter der Maschinenbauanstalt Frauenfeld, die dortige mechanische Werkstätte Sulzberger & Pfister und gründete daraus das Unternehmen Martini & Tanner, das sich auf die Herstellung von Buchbinde- und Textilmaschinen, Motoren und Waffen spezialisierte. Ab 1865 arbeitete Martini an einer Weiterentwicklung des Peabody-Gewehrs, das er unter dem Namen Peabody-Martini-Gewehr anbot. Dabei verbesserte er das Zündsystem und änderte den Auswurf der Patronenhülsen nach dem Abschuss. Mit seinen Peabody-Martini-Standschützengewehren konnten Patronen des Vetterli-Gewehrs verschossen werden. Das Peabody-Gewehr mit dem Martini-Zündsystem wurde ab 1871 auch bei den britischen Streitkräften unter der Bezeichnung Martini-Henry-Gewehr eingeführt.
Stand- oder Scheibenstutzer waren präzise Waffen mit Stecherabzug für das sportliche Schiessen in einem Schiessstand. Sie erlebten im 19. Jh. grosse Popularität bei den zahlreichen Schützenfesten, die überall in der Eidgenossenschaft durchgeführt wurden. Das vorliegende Exemplar fertigte der Frauenfelder Büchsenmacher Daniel Gehrer an, dessen Berufsbezeichnung auch Kleinmechaniker war. Im Auftrag des Eidgenössischen Militärdepartements reparierte er Waffen der Armee.
Gehrer, Daniel (1840–1909), Büchsenmacher in Frauenfeld
um 1880
L. 135 cm, Lauf L. 89 cm
Stahl, brüniert; Eisen; Nussbaumholz
Wg 486
Brugger, J. J., Adressbuch des Kantons Thurgau und der Städte Konstanz, Wyl, Rorschach und St. Gallen, Frauenfeld 1876, S. 116.

Erhard Clavadetscher, Zwei Thurgauische Waffenpioniere (Thurgauer Jahrbuch, Bd. 38), 1963, S. 15–18.

Hugo Schneider, Schweizer Waffenschmiede vom 15. bis 20. Jahrhundert, Zürich 1976, S. 118.

Hans Brüderlin, Martini, Friedrich von, in: Neue Deutsche Biographie 16 (1990), S. 298-299. https://www.deutsche-biographie.de/pnd119257904.html#ndbcontent, aufgerufen am 22.04.2024.

Bruno Meyer, Friedrich von Martini, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 10.11.2011. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/030490/2011-11-10/, aufgerufen am 22.04.2024.

Dirk Ziensig, Martini-Henry-Gewehre aus Witten an der Ruhr, Waffen und Kostümkunde (Zeitschrift für Waffen- und Kleidungsgeschichte, Heft 2), 2011, S. 167–210.

Stephen Manning, The Martini-Henry Rifle, 2013.

Angelus Hux, Eine neue Zeit kommt nach Frauenfeld, Ein Kulturmosaik des 19. Jahrhunderts, Frauenfeld 2024, S. 212.
Schlagwörter: Vereinswesen, Sport, Freizeit, Hauswirtschaft, Persönliche Accessoires, Waffen, Gewerbe