Gemälde: Flügelaltar (Retabel) mit Kreuzigungs- und Auferstehungsszenen sowie der Abbildung einer Stadt im Hintergrund, die architektonische Bezüge sowohl zu Konstantinopel wie auch zu Konstanz aufweist, gehörte zur Kirchenausstattung im Zisterzienserinnenkloster Feldbach bei Steckborn

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Der aus einem Mittelteil und Flügeln bestehende Altar veranschaulicht Szenen aus der Passion Jesu auf der Festtagsseite mit Christus am Kreuz, der Gottesmutter Maria, Johannes dem Täufer, Johannes dem Evangelisten und der hl. Katharina in einer Landschaft mit Stadt am See. Auf Golgotha, dem Ort der Kreuzigung, befindet sich die Schädelstätte, wo die Knochen der genealogischen Stammeltern von Jesus begraben liegen und im Bild in prominenter Grösse als Schädel von Adam und Oberschenkelknochen zu Füssen der Heiligen liegen. Sowohl die Innen- wie Aussenseite der Flügel sind in zwei Felder unterteilt. Auf dem linken Flügel innen ist oben Christus am Ölberg und darunter die Kreuztragung Christi dargestellt. Die rechte Flügelseite präsentiert oben die Grablegung und unten die Auferstehung. Einzig der Kopf von Jesus Christus ist vor dem Hintergrund des Himmels (Himmelreich) abgebildet, alle anderen Figuren überragen den Horizont nicht und bleiben perspektivisch im «Erdreich».
Räumlich und zeitlich nicht definiert sind die Heiligen auf den Aussenseiten der Flügel gemalt: links oben Michael und Dionysius, darunter Maria Magdalena und Maria mit Kind, im rechten oberen Feld Stephanus und Barbara sowie darunter Dorothea und Agnes.
Der geöffnete Altar zeigt die Leidensgeschichte von Jesus Christus in einer detailreichen, naturalistisch illustrierten Umwelt zu verschiedenen Tageszeiten (Morgen, Tag, Abend, Nacht) und aus unterschiedlichen räumlichen Perspektiven (Frontalsicht, Vogelperspektive). Die Bilder der Festtagsseite zeigen Darstellungen der Erdkrümmung. Es handelt sich um eine der ältesten Illustrationen dieses kosmologischen Phänomens, das der Maler durch die nach unten gebogenen Arme von Jesus, die Platzierung der einheitlichen Augenhöhe der Heiligen sowie den prominent neben dem Körper von Jesus platzierten Schiffen betonte, wobei sich Phänomene des Mikro- wie des Makrokosmos gleichwertig ergänzen. Blumen und Gräser sowie der Zustand des Blutes (frisch, geronnen, getrocknet) von Jesus sind in Nahsicht, Abend- und Morgendämmerung in Fernsicht dargestellt. Die Verbildlichung universeller Aspekte wie die gerundete Erdhülle, vielfältige Lichtverhältnisse je nach Tages- oder Nachtzeit sowie verschiedene Himmelsrichtungen – im rechten Flügel wird oben die Sicht auf den östlichen und unten auf den westlichen Himmel abgebildet – weisen auf das Interesse des Meisters hin, die Drehbewegung der Planeten bildlich zu thematisieren. Das Wissen dazu basierte auf der Kenntnis antiker und arabischer Schriften, die im 14. Jh. in Europa verbreitet wurden. Das durch diese Schriften publizierte geozentrische Weltbild zeigt schematisch um die Erdkugel gelagerte konzentrische Bahnen und damit die «Sicht auf die Erde». Auch der Meister des Feldbacher Altars setzt diesen räumlichen Standpunkt bildlich um und kombiniert ihn mit der «Sicht von der Erde». Dem Meister des Werks war somit die Abbildung des Sicht- wie des Unsichtbaren ein Anliegen.
Die «Sacra Conversatione», ein Kompositionstypus mit sich in einem Gespräch befindenden vier Heiligen, wie hier der Fall, zeigt das Kreuzigungsereignis in überirdischer Dimension, da die abgebildeten Figuren zu ganz unterschiedlichen Zeiten gelebt haben.

Das Mittelbild weist Bezüge sowohl zur Bodenseeregion wie zum Morgenland auf. Illustriert ist womöglich Konstantinopel mit Anlehnungen zu Gebäuden aus Konstanz. Die Unterzeichnung mittels Infrarot-Analyse macht sichtbar, dass ursprünglich die Darstellung weiterer Türme geplant war. Ein Hinweis, dass der Maler Konstantinopel vor Augen hatte, da diese Stadt als turmreich galt. Zudem sind Menschen in orientalischer Kleidung, islamische Symbole wie mehrere Halbmonde sowie ein Minarett mit Muezzin zu erkennen. Marias Gesichtszüge erinnern an Ikonen aus der byzantinischen Malerei. Aufgrund dieser Details könnte der Auftraggeber des Altars ein Tuchhändler gewesen sein, der auf seiner Geschäftsreise nach Konstantinopel überfallen wurde und als Gefangener auf eine Galeere kam. Sowohl ein Überfall wie ein Schiff mit Gefangenen sind auf dem Gemälde abgebildet.

Der Kanton Thurgau hob im 19. Jh. die Klöster auf. Ausser den Konventen Paradies (1838 verstaatlicht) und St. Katharinental (1868 verstaatlicht) wurden 1848 die Klostergüter säkularisiert. Liegenschaften, Mobiliar sowie liturgische Geräte und Textilien kamen zum Kantonseigentum. Im Vorfeld der Verstaatlichung liess der Regierungsrat den ehemaligen Klosterbesitz registrieren und Inventare der Mobilien erstellen. Diese Verzeichnisse belegen heute die Herkunft der klösterlichen Objekte.
In der Folge übernahm der Kanton ausgewähltes Klostermobiliar in seine Kunst- und Antiquitätensammlung. Diese Objekte, wie das Retabel, zählen zu den frühsten Stücken der Museumssammlung.
um 1450
H. 138, B. 131, T. 52 cm
Mischtechnik auf weiss grundiertem Fichtenholz
T 117
Catalog (Inventarium), Thurgauische Historische Sammlung, Hinteres Kantonsschulgebäude 3. Stock in Frauenfeld (Weinfelden 1890), S. 53–55.

Albert Knoepfli, Die Kunstdenkmäler des Kantons Thurgau, Bd. 1, Der Bezirk Frauenfeld (Die Kunstdenkmäler der Schweiz, Bd. 23), Basel 1950, S. 141.

Madeleine Witzig-Hager, Der Feldbacher Altar, Ein Spiegel der niederländischen Ars Nova am Bodensee, Lizenziatsarbeit Universität Zürich, 2004.

Beate Fricke, Zur Genealogie von Blutspuren, Blut als Metapher der Transformation auf dem Feldbacher Altar (ca. 1450), in: Blut, Milch und DNA, Zur Geschichte generativer Substanzen, L'Homme, Europäische Zeitschrift für Feministische Geschichtswissenschaft, 21. Jg. 2010, Heft 2, S.11–32.

Jana Lucas, Europa in Basel, Das Konzil von Basel (1431–1449) als Laboratorium der Kunst, Basel 2017, S. 268–271.

Dominik Gügel, Nah betrachtet, weit geschaut – der Feldbacher Altar erzählt Spektakuläres aus dem Spätmittelalter, in: Umbruch am Bodensee, Vom Konstanzer Konzil zur Reformation (Der Thurgau im Mittelalter, Bd. 3/4), Zürich 2018, S. 115–135.

Beate Fricke, Thinking in Spheres, The Curvature, the Horizon and Pictorial Space on The Feldbach Altarpiece (ca. 1460), in: Zeitschrift für Schweizerische Archäologie und Kunstgeschichte (ZAK), 2022, S. 109–140.
Schlagwörter: Malerei, Religion katholisch, Kloster, Kirche