Karabiner der Thurgauer Landjäger (frühe Kantonspolizei), Vorderlader mit Perkussionsschloss, kantonales Modell von 1860, Typ B

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Brünierter glatter Rundlauf, ab Kammeransatz achtkantig, oben mit flachem Grat. Basküle-Vorrichtung an Schwanzschraube. Schlosshahn mit geriffeltem Hahnsporn (Griffoptimierung). Auf Lauf kleines Standvisier aus Stahl (V-förmige Kimme) und längliches Korn. Vorliegendes Kettenschloss, flache Schlossplatte, gerundeter Hahn. Glatte Eisengarnitur aus Abzugsbügel, Kolbenkappe, drei Ladestockpfeifen und kappenartigem Vorderschaftabschluss. Zwei Bügel für den Tragriemen. Zwei Schieber als Laufbefestigung. Stahlladestock mit kegelstumpfförmigem Kopf und Schraubgewinde am anderen Ende. Voller Nussbaumholzschaft. Kolben mit Backenkissen links, Kolbennase und leicht geschweiftem Abschluss.

Schläge: Laufunterseite mit Angabe des Herstellers «ZELLA [ST. BLASII]» (heute Zella-Mehlis in Thüringen, DEU), auf Kammer Waffennummer «25». Schlossplatte «ZOLLER», der Büchsenmacher. Auf Schaft Kantonsschlag vom Zeughaus Frauenfeld «TH» (Besitzer) und Waffennummer «25». Auf Ladestockkopf und Vorderschaftabschluss je «98». Kolbennase mit Waffennummer und Zeughausstempel «25».

Kaliber: 16.5 mm
In der Region um Zella St. Blasii in Thüringen (DEU) (heute Zella-Mehlis) wurden seit dem 14. Jh. Waffen hergestellt, da dort reiche Erzvorkommen vorhanden waren. Spezialisierte Schmiede fertigten Hellebarden, Spiesse, Schwerter, Armbrüste und Harnische sowie ab der 1. Hälfte des 17. Jhs. auch Gewehrläufe an. Neben über hundert Büchsenmachern gab es damals bereits zwei Gewehrfabriken. Der Lauf des vorliegenden Gewehrs wurde dort geschmiedet. Verarbeitet hat ihn Anton Zoller, ein Büchsenmacher aus Ungarn, der in Frauenfeld eine florierende Werkstätte einrichtete. Im Rechenschaftsbericht der Kantonsregierung Thurgau 1860 (S. 158) ist die Anschaffung von 31 neuen Polizeikarabinern à CHF 45.– von Büchsenmacher Zoller erwähnt.

Mittels Verfügung des Kleinen Rats des Kantons Thurgau vom 26. Februar 1807 wird der Grundstein für die Institutionalisierung der Kantonspolizei Thurgau gelegt. Der Erlass hielt u.a. fest, dass die Polizisten mit Säbeln und Stutzern bzw. Karabinern ausgerüstet sein mussten, die sie aus eigener Tasche zu berappen hatten. Waren ursprünglich 15 Wächter im Einsatz, vergrösserte die Regierung das Korps 1818 auf 32 Landjäger. Uniform und Waffen stellte den Amtsdienern von nun an das Zeughaus zur Verfügung. Ab den 1850er-Jahren trug jeder Polizist neben dem Säbel und dem Weidmesser einen Karabiner mit Lederriemen mit sich. 1849 kamen Grenzwächter zur Mannschaft, die den Dienst bis 1881 versahen, dem Zeitpunkt als der Grenzschutz zur Bundesangelegenheit wurde. Die Anzahl der Ordenshüter wurde aus finanziellen Gründen im 19. Jh. kaum aufgestockt, trotz des Wunschs, die über den ganzen Kanton verteilten Posten personell besser auszustatten. Mit dem Karabiner versahen die Thurgauer Polizisten bis 1876 ihren Dienst, danach wurden sie mit einem Revolver ausgerüstet.
Zoller, Anton (1817–1881), geboren und gestorben in Budapest, Waffenschmied in Frauenfeld 1845–1869
um 1860
L. 114.8 cm, Lauf L. 75.4 cm (mit Schwanzschraube)
Stahl, brüniert; Eisen; Nussbaumholz
T 40273
Rechenschaftsbericht der Regierung von 1860, Staatsarchiv Thurgau, (StATG) Mk 1/24, S. 158.

Ernst Herdi, Thurgauer Polizei einst und heute, Hundertfünfzig Jahre Thurgauische Kantonspolizei fünzig Jahre Verband der Kantonspolizei Thurgau 1807–1957, Festschrift, Frauenfeld 1957.

Ernst E. Abegg, Geschichte der Kantonspolizei Thurgau, 550 Jahre thurgauische Ordnungskräfte, Frauenfeld 2014.

Hugo Schneider, Schweizer Waffenschmiede vom 15. bis 20. Jahrhundert, Zürich 1976, S. 295.

Eugène Heer, Der neue Stöckel, Bd. 2, Internationales Lexikon der Büchsenmacher, Feuerwaffenfabrikanten und Armbrustmacher von 1400–1900, Schwäbisch Hall 1979, S. 1437.

Eugène Heer, Der neue Stöckel, Bd. 3, Internationales Lexikon der Büchsenmacher, Feuerwaffenfabrikanten und Armbrustmacher von 1400–1900, Schwäbisch Hall 1982, S. 1722.

André Salathé, Polizei und Bevölkerung, Der Aufbau eines staatlichen Polizeikorps zu Beginn des 19. Jahrhunderts (am Beispiel des Kantons Thurgau), in: Schweiz im Wandel, Studien zur neueren Gesellschaftsgeschichte, Festschrift für Rudolf Braun zum 60. Geburtstag, Basel/Frankfurt am Main 1990, S. 345–362.

Jürg A. Meier, Marc Höchner, Als die Polizei noch Säbel trug, Schwerter, Säbel, Seitenwehren, Bernische Griffwaffen 1500–1850 (Schriften des Bernischen Historischen Museums, Bd. 15), 2021, S. 158–159.
Schlagwörter: Staatliche Institutionen, Justiz, Waffen, Gewerbe