Nackenspiesse (Banderillas) für Stierkämpfe, aus Spanien

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Holzstäbe mit verschieden farbigen Papierstreifen umwickelt, an den hinteren abgerundeten Enden frei. Vorne kurze Widerhaken aus Eisen. Die Papiere sind im vorderen Drittel des Spiesses braun gefleckt.

Um einen der Spiesse ist eine Papierrolle angebracht, darauf steht «4 Banderillas, Nackenpfeile bei Stiergefechten in Spanien, Geschenk v. H. Fritz Kugler 12 IV 22».
Der Stierkampf ist das Symbol Spaniens und hat eine lange Tradition.
Stierkämpfe fanden auf der Iberischen Halbinsel im Mittelalter bei Hochzeiten, Krönungen und kirchlichen Festen statt. Allerdings kämpften damals Adlige zu Pferd mit einer Lanze gegen den Stier. Männer zu Fuss unterstützten die Adeligen dabei, die Stiere in die richtige Position zu bringen.
Die heutige «corrida de toros» (Stierkampf) entstand im 18. Jh. Sie gilt als eine der ersten kommerziellen Formen der Unterhaltung breiter Massen in Europa. Der Formwandel beim Schauspiel begann in den Jahrzehnten nach 1700, da die Adligen den Kampfsport aufgaben. Die Lücke füllten Männer, die sich kein Pferd leisten konnten und daher zu Fuss gegen den Stier antraten. Mit einem roten, an einem Holzstock befestigten Tuch (muelta) lenkten und kontrollierten sie den Stier.
Im 18. Jh. entstanden feste Arenen, die «plazas de toros». Zuerst quadratisch und später rund, gehörten sie zu den ersten eigens für Zuschauer gebauten Stadien Europas seit der Antike. Gleichzeitig entwickelte sich der Stierkampf zu einem professionellen Betrieb mit bezahlten Stierkämpfern, Veranstaltern, Zuchtbetrieben für Kampfstiere, einer eigenen Presse und einem Publikum, das Eintritt bezahlte. Mit dem Regelwerk «Tauromaquia completa, o sea el arte de torear en plaza, tanto a pie como a caballo» von Francisco Montes (1804–1851) aus dem Jahr 1836 wurden die Richtlinien des Stierkampfs erstmals schriftlich festgelegt. Auf dieser Grundlage entstanden später die staatlichen Vorschriften des 19. und 20. Jhs.
1898 wurden die Stierkämpfe zum Nationalfest erklärt. Diese Zeit gilt als Goldenes Zeitalter des Stierkampfs, mit den berühmten Matadoren Juan Belmonte García (1892–1962) und José Gómez Ortega (1895–1920).

Im festen Spielablauf treten meist drei Matadore gegen jeweils zwei vier Jahre alte, eigens für den Kampf gezüchtete Stiere an. Die Stierkämpfer in reich geschmückter Kleidung ziehen feierlich in die Arena ein. Jeder Stier kämpft anschliessend etwa 20 Minuten, wobei die Kämpfe in drei Abschnitte gegliedert sind.
Zuerst prüft der Kämpfer das Tier mit Hilfe eines, den Stier animierenden grossen, leuchtendfarbigen Tuchs (capote). Nun kommen die Picadores auf Pferden ins Spiel und stechen ihm eine Lanze in den Nackenmuskel.
Die «banderillas» (Fähnchen), 70 bis 80 Zentimeter lange, mit buntem Papier umwickelte Holzstäbe mit einem kleinen Widerhaken aus Eisen an der Spitze, sind die Waffen der Banderilleros, der Kampfhelfer des Matadors. Die Banderilleros rennen auf den angreifenden Stier zu und rammen ihm die Spiesse paarweise in den Nacken- und Schulterbereich. Dadurch wird der Stier gereizt, in Bewegung gehalten und auf den letzten Abschnitt des Kampfs vorbereitet.
Am Schluss der Vorführung tritt der Matador allein mit der roten Muelta und einem Degen gegen den Stier an. Der geschwächte Stier hält nun den Kopf tiefer und der Matador kann ihn mit einem Degenstich zwischen die Schulterblätter töten.
Zuletzt wird der tote Stier von einem Maultiergespann aus der Arena gezogen und sein Fleisch gegessen.

Der Stierkampf steht für eine traditionelle Definition der Männlichkeit, d.h. für Mut, Selbstbeherrschung und die Bereitschaft, sich der Gefahr zu stellen. Autoren wie Ernest Hemingway (1899–1961) trugen zu diesem Image bei. Allerdings ist dieses Bild durch die Literatur und nicht durch historische Fakten geprägt. Denn Frauen waren von Anfang an Teil des Stierkampfs. Bereits im 18. Jh. traten Stierkämpferinnen auf. Die bekannteste war Nicolasa Escamilla, die der Maler Francisco de Goya nach ihrem Tod 1816 grafisch darstellte. Im 19. und frühen 20. Jh. reisten Gruppen von Stierkämpferinnen durch Spanien und traten in den Arenen auf.
Allerdings führte ihr Erfolg zu Einschränkungen. Um 1908 verbot die spanische Regierung Frauen den Stierkampf zu Fuss. Während der Zweiten Spanischen Republik (1931–1939) wurde dieses Verbot vorübergehend gelockert, unter der Diktatur Francos (1939–1973) jedoch 1940 wieder eingeführt. Die bekannte Stierkämpferin Conchita Cintrón (1922–2009) durfte deshalb in Spanien nur zu Pferd kämpfen, während sie in Frankreich und Lateinamerika auch zu Fuss auftreten konnte. Erst 1974 wurde das Verbot aufgehoben, nachdem Ángela Hernández (geb. um 1949) erfolgreich dagegen geklagt hatte.

1922 schenkte Fritz Kugler die Stücke der Naturforschenden Gesellschaft Thurgau. Gemäss der damaligen musealen Praxis kamen die Stücke zur ethnologischen Sammlung, die 2004 vom Historischen Museum Thurgau übernommen wurde.
Anfang 20. Jh.
L. 75, D. 2 cm
Holz (vermutlich Esche), Papier (verblichen), Eisen, geschmiedet
1730a–d
Eingangsbuch der Naturforschenden Gesellschaft Thurgau, Eingang 1922.

Mitteilungen der Thurgauischen Naturforschenden Gesellschaft, Bd. 27, 1928, S. 159. https://www.e-periodica.ch/digbib/view?pid=tng-001%3A1928%3A27%3A%3A164, aufgerufen am 05.08.2026.

Garry Marvin, Bullfight, Urbana/Chicago 1988.

Adrian Shubert, Death and Money in the Afternoon, A History of the Spanish Bullfight, Oxford/New York 1999.

Elisabeth Hardouin-Fugier, Bullfighting, A Troubled History, London 2010.
Schlagwörter: Ethnografica, Brauchtum, Waffen, Tier, Anlässe

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