Fahne: Plakat (Transparent) «Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!» der Sozialdemokratischen Partei (SP) Arbon

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Schmale, querformatige Fahne aus rotem Baumwollstoff. Beklebt mit weissen, nach rechts geneigten Buchstaben aus Papier, die den Spruch «Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!» bilden. Rückseitig mit reissfestem Papier (Kraftpapier) verstärkt, geklebt.
Die Parole «Brüder, zur Sonne, zur Freiheit» ist der Titel eines berühmten deutschen Arbeiterlieds. Dabei handelt es sich um die Nachdichtung eines Revolutionslieds aus Russland, welches der russische Revolutionär Leonid Petrowitsch Radin 1895/96 gedichtet hatte und das sich als Hymne der russischen Arbeiterbewegung etablierte. Der deutsche Dirigent Hermann Scherchen lernte das Lied während des Ersten Weltkriegs 1917 in russischer Gefangenschaft kennen und schrieb daraufhin den deutschen Text mit drei Strophen. Die erste Strophe beginnt mit der titelgebenden Zeile:

«Brüder, zur Sonne, zur Freiheit
Brüder, zum Lichte empor!
Hell aus dem dunklen Vergangenen
Leuchtet nun Zukunft hervor.»

Nach Scherchens Rückkehr wurde das Lied 1920 erstmals öffentlich von einem Arbeiterchor in Berlin aufgeführt. Bald darauf zählte es zu den meist gesungenen Liedern der deutschen Arbeiterbewegung. In der deutschsprachigen Schweiz stiess das Lied ebenfalls auf positive Resonanz. Ende der 1920er-Jahre veröffentlichte der Schweizerische Arbeiter-Sängerverband das Lied in seinem Liederbuch, verschiedene Arbeitervereine nahmen die Parole auf.
Die Beliebtheit des Lieds nutzten auch die Nationalsozialisten für sich. Mit der Machtübernahme Hitlers eigneten sie sich das Lied mit nazistischen Textvarianten an. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs fand das Lied zu seiner Tradition als Arbeiterlied zurück, bis Ende der 1980er-Jahre fungierte es beispielsweise als inoffizielles Parteilied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD).
Die Geschichte dieses politischen Lieds zeigt seine Wandelbarkeit: Einerseits galt es als Symbol für Freiheit und Protest, andererseits wurde es vom Nationalsozialismus und den kommunistischen Diktaturen in der Sowjetunion und DDR vereinnahmt.

Die Demonstrationsfahne bildet mit der gleichformatigen Demonstrationsfahne mit der Aufschrift «Schwestern empor zum Licht!» (Inv. Nr. T 43009) ein inhaltliches sowie auch stilistisches Paar. Unter welchen Bedingungen die Fahne zum Einsatz kam, lässt sich nicht rekonstruieren, vermutlich fällt ihre Entstehung in die Zeitspanne von 1920 bis 1940.

Die sozialdemokratische Geschichte Arbons ist eng mit dem Aufblühen der Stickerei-Industrie verbunden. Die Stadt entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. zu einem schweizweit bedeutenden Industriestandort, der geprägt war durch die Maschinen- und spätere Lastwagenfabrik Adolph Saurer AG sowie die Stickereifabrik Arnold B. Heine.

Mit der Industrialisierung erlebte die Kleinstadt zunehmende soziale Konflikte und eine erstarkende Arbeiterbewegung. Diese machte mittels Streiks und Demonstrationen auf Missstände und Lohnkürzungen in den Fabriken aufmerksam. In diese Zeit fällt 1916 die Gründung der Sozialdemokratischen Partei (SP) Arbons. Unter dieser konnten die Anliegen der verschiedenen Vereine für die Arbeiterinnen und Arbeiter vereinigt werden. Bis Mitte der 1950er-Jahre war die Stadt als «Rotes Arbon» bekannt, mit einer Mehrheit der SP in der Ortsverwaltung.
Doch nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ausbruch des sogenannten Kalten Kriegs begann sich das politische Klima zu Ungunsten sozialpolitischer Absichten zu drehen. Die SP Arbon bleibt zwar bis heute eine treibende Kraft der Lokalregierung, erzielte aber nach 1957 keine absolute Mehrheit mehr.

Die Bedeutung Arbons für die deutschsprachige Sozialdemokratie lässt sich daran erkennen, dass 1911 und 1965 die «Sozialistische Bodensee-Internationale (SBI)» dort einberufen wurde. So bot Arbon bekannten sozialistischen Persönlichkeiten wie Karl Liebknecht, dem Nationalrat Herman Greulich oder dem deutschen Bundeskanzler Willy Brandt eine Bühne.
um 1920–1940
H. 37, B. 400 cm
Baumwolle, beklebt mit Papier
T 43008
Hans Geisser, Geschichten erzählen Geschichte, Ein Streifzug durch Arbons Vergangenheit, Vom roten Arbon, Museumsgesellschaft Arbon 2005, S. 192–195.

Eckhard John, «Brüder, zur Sonne, zur Freiheit», Zur Topographie des politischen Liedes im 20. Jahrhundert, in: Barbara Stambolis, Jürgen Reulecke (Hrsg.), Good-Bye Memories? Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts, Essen 2007, S. 51–78.

Hans Geisser, Schatten über der Stadt am See, Arboner Alltag in Krise und Krieg 1930–1945, Politischer Alltag im roten Arbon, Museumsgesellschaft Arbon 2010, S. 30–39.

Claudius Graf-Schelling, Roth und Röter, 100 Jahre Sozialdemokratische Partei Arbon 1916–2016, Eine Chronik, Arbon 2016.

Eckhard John, Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Die unerhörte Geschichte eines Revolutionsliedes, Berlin 2018.
Schlagwörter: Textilien , Vereinswesen, Ereignis, Anlässe, Geschichte, Industrie

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