Fahne: Plakat (Transparent) «Schwestern empor zum Licht!» der Sozialdemokratischen Partei (SP) Arbon

zurück

Mit der Maus über das Bild fahren, um es zu vergrössern · Auf das Bild klicken für die Vollbildansicht

Schmale, querformatige Fahne aus rotem Baumwollstoff. Beklebt mit weissen, nach links geneigten Buchstaben aus Papier, die den Spruch «Schwestern empor zum Licht!» bilden. Das «c» im Wort Licht ist unvollständig erhalten.
Der Spruch lehnt vermutlich an den Titel des berühmten deutschen Arbeiterlieds «Empor zum Licht» des Komponisten und Chorleiters Gustav Adolf Uthmann (1867–1920) an, welcher über 400 Arbeiter-, Kampf- und Friedenslieder komponierte. Der Text des kurz nach 1900 entstanden Lieds stammt von Emanuel Wurm (1957–1920), Politiker der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (SPD). Das Lied adressiert sich in der zweiten Strophe an Männer und Frauen:

«Die neue Zeit, sie ist genaht,
Männer und Frauen, nun auf zur Tat!
Reicht Euch die Hände zum Freiheitsbund!
Donnernd, es töne vom Erdenrund!
Erwache, Volk, erwache!»

Eine weitere Herleitung der Parole wäre eine Adaption der zweiten Zeile des Arbeiterlieds «Brüder, zur Sonne, zur Freiheit». Dabei wäre die Zeile «Brüder, zum Lichte empor» zu «Schwestern empor zum Licht» umgedichtet worden.
Die Demonstrationsfahne bildet mit der gleichformatigen Demonstrationsfahne «Brüder, zur Sonne, zur Freiheit!» (Inv. Nr. T 43008) ein inhaltliches sowie auch stilistisches Paar. Unter welchen Bedingungen die Fahne zum Einsatz kam, lässt sich nicht rekonstruieren, vermutlich fällt ihre Entstehung in die Zeitspanne von 1920 bis 1940.

Die Arbeiterbewegung in der Schweiz war im 19. Jh. männlich geprägt. Frauen spielten bei einzelnen Lohnforderungen eine tragende Rolle, besetzten in den Organisationen jedoch nur untere Positionen. Ab den 1880er-Jahren entstanden Arbeiterinnenvereine, die gegen Ende des Ersten Weltkriegs in der Sozialdemokratischen Partei (SP) aufgingen.

Die sozialdemokratische Geschichte Arbons ist eng mit dem Aufblühen der Stickerei-Industrie verbunden. Die Stadt entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. zu einem schweizweit bedeutenden Industriestandort, der geprägt war durch die Maschinen- und spätere Lastwagenfabrik Adolph Saurer AG sowie die Stickereifabrik Arnold B. Heine.

Mit der Industrialisierung erlebte die Kleinstadt zunehmende soziale Konflikte und eine erstarkende Arbeiterbewegung. Diese machte mittels Streiks und Demonstrationen auf Missstände und Lohnkürzungen in den Fabriken aufmerksam. In diese Zeit fällt 1916 die Gründung der SP Arbons. Unter dieser konnten die Anliegen der verschiedenen Vereine für die Arbeiterinnen und Arbeiter vereinigt werden. Bis Mitte der 1950er-Jahre war die Stadt als «Rotes Arbon» bekannt, mit einer Mehrheit der SP in der Ortsverwaltung.
Doch nach dem Zweiten Weltkrieg und dem Ausbruch des sogenannten Kalten Kriegs begann sich das politische Klima zu Ungunsten sozialpolitischer Absichten zu drehen. Die SP Arbon blieb zwar eine treibende Kraft der Lokalregierung, erzielte aber nach 1957 keine absolute Mehrheit mehr.

Die Bedeutung Arbons für die deutschsprachige Sozialdemokratie lässt sich daran erkennen, dass 1911 und 1965 die «Sozialistische Bodensee-Internationale (SBI)» dort einberufen wurde. So bot Arbon bekannten sozialistischen Persönlichkeiten wie Karl Liebknecht, dem Nationalrat Herman Greulich oder dem deutschen Bundeskanzler Willy Brandt eine Bühne.
1920–1940
H. 39, B. 397 cm
Baumwolle, beklebt mit Papier
T 43009
Kampfgesang, Proletarische Freiheitslieder, in: Proletarier, Monatsschrift für Kommunismus, Berlin 1921, S. 17. https://library.fes.de/pdf-files/bibliothek/bestand/a98-02607.pdf, aufgerufen 21.07.2026.

Stefan Keller, Die Zeit der Fabriken. Von Arbeitern und einer roten Stadt, Zürich 2001.

Hans Geisser, Geschichten erzählen Geschichte, Ein Streifzug durch Arbons Vergangenheit, Vom roten Arbon, Museumsgesellschaft Arbon 2005, S. 192–195.

Eckhard John, «Brüder, zur Sonne, zur Freiheit», Zur Topographie des politischen Liedes im 20. Jahrhundert, in: Barbara Stambolis, Jürgen Reulecke (Hrsg.), Good-Bye Memories? Lieder im Generationengedächtnis des 20. Jahrhunderts, Essen 2007, S. 51–78.

Hans Geisser, Schatten über der Stadt am See, Arboner Alltag in Krise und Krieg 1930–1945, Politischer Alltag im roten Arbon, Museumsgesellschaft Arbon 2010, S. 30–39.

Bernard Degen, Arbeiterbewegung, in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version von 1997 (Artikel aus der HLS-Druckversion, bearbeitet am 24.02.2014). https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/016479/2014-02-24/, aufgerufen am 21.07.2026.

Claudius Graf-Schelling, Roth und Röter, 100 Jahre Sozialdemokratische Partei Arbon 1916–2016, Eine Chronik, Arbon 2016.

Eckhard John, Brüder, zur Sonne, zur Freiheit, Die unerhörte Geschichte eines Revolutionsliedes, Berlin 2018.
Schlagwörter: Textilien , Vereinswesen, Ereignis, Geschichte, Industrie

Ähnliche Objekte 12