Gewehr mit Perkussionsschloss, Vorderlader der Thurgauer Infanterie, eidgenössisches Modell 1842/1859, mit Stichbajonett Modell 1842

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Runder gezogener Lauf mit vier Zügen, hinten oktogonal. Leiervisier mit Stellung für 400 bis 700 Schritt, Mückenkorn. Bajonetthaft in Form eines kubischen Nockens am Lauf. Erhabene Schlossplatte und schmales geschweiftes Schlossblech. S-förmiger Hahn mit geriffeltem (Griffoptimierung) Daumendrücker (Perkussionshammer), Piston. Eisengarnitur aus drei Bändern mit je Federhalterung, Oberband mit Führung für Ladestock, Mittelband mit breitem Riemenbügel. Runder Abzugsbügel mit breitem Riemenbügel, geschraubtes Bügelblatt mit Querrippen (Griffoptimierung), gerade angeschraubte Kolbenkappe. Voller Nussbaumholzschaft. Ladestock mit kegelförmigem Kopf.

Schläge: Auf Lauf Kontrollmarke «E. L. G.» mit Stern in Oval für den Lièger Beschuss (Amtliche Prüfung). Auf Lauf, Schlossplatte und -blech, Bügelblatt, Bänder, Kolbenkappe und Ladestock je die Marke des Herstellers mit überkröntem «BF» für Beuret Frères in Liège. Waffennummer auf Lauf und Kolbenhals je «4370». Weitere Punzen auf Lauf: eidg. Kontrollstempel mit Schweizer Kreuz in Kreis (ab 1859, Inspektor Müller), «E» in Oval (ab 1869), Darstellung des Perrons (Denkmal in Form einer Säule) von Liège (Nachbeschuss für Perkussionsläufe), Malteserkreuz (Tatzenkreuz) mit «1» daneben.
Kontrollpunzen des kantonalen Inspektors in zwei verschiedenen Ausführungen: Stempel für den Kanton Thurgau «CT» in Oval auf Kolbenhals und «TH» auf Lauf.

Kaliber: 17.5 mm

Tüllenbajonett mit Dreikantklinge.
Schläge: Waffennummer auf Tülle «1602.», auf Klinge «[?] A D 3», auf Hals «21», «D» in Oval und «CT» (Kanton Thurgau, Kontrollpunze des kantonalen Inspektors).
Für die Bewaffnung seiner Infanteristen war jeder Schweizer Kanton eigenständig verantwortlich. Ab 1826 bezog ein Thurgauer Soldat seine Waffe gegen Bezahlung vom Zeughaus in Frauenfeld, das 1820–1822 eingerichtet wurde. Die Anfertigung von Militärschusswaffen erfolgte in den Werkstätten der kantonalen Zeughäusern oder von einheimischen Büchsenmachern im Auftrag der milizpflichtigen Wehrmänner produziert. Denn bis zur Einführung des Bundesheers 1874 trugen die Soldaten die Kosten für ihre Ausrüstung grösstenteils selbst.
Wehrmänner, die sich keine eigene Waffe leisten konnten, bekamen diese leihweise vom Zeughaus in Frauenfeld ausgehändigt. Sowohl die Gewehre in Staats- wie in Privatbesitz waren mit dem Thurgauer Kantonsschlag versehen, der in drei Varianten vorliegt «CT», «TH» und «CTH». Die mit solch einer Markierung bezeichneten Waffen entsprachen der behördlichen Vorschrift hinsichtlich der Beschaffenheit der Gewehre (Ordonnanzen). Die Gewehre der Modelle 1842 und 1859 gehörten bis zur Einführung des Vetterli-Gewehrs Anfang der 1870er-Jahre zur Bewehrung der Schweizer Armee. Mit der Aussortierung dieser Stücke hörte auch die kantonale Kontrolle der Waffen und damit die Anbringung des Kantonsschlags auf. Fortan lag die Prüfung der Gewehre in den Händen der eidgenössischen Experten, welche die von ihnen erprobten Waffenteile mit Punzen versahen, die oftmals aus dem Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens bestanden.

Hersteller der Gewehre waren hauptsächlich Manufakturen in Frankreich und Belgien. So wurde vorliegende Waffe in Liège (BEL) gebaut, da sie diverse Punzen eines Waffenproduzenten dieser Stadt sowie die städtische amtliche Prüfmarke aufweist. Es handelt sich um den Fabrikanten Beuret Frères, der Hauptlieferant für Schweizer Armeewaffen. Konstruiert wurden die Vorderlader nach den detaillierten Vorschriften, die der eidg. Kriegsrat am 13. April 1842 beschlossen hatte. Dieses Reglement, das die Beschaffenheit sämtlicher Bestandteile eines Gewehrs vorschrieb, war die erste eidg. Ordonnanz für das Schweizer Bundesheer, das sich durchsetzte und zur Vereinheitlichung der Bewaffnung aller Schweizer Wehrmänner führte.
Die Vorderlader mit Steinschlosszündung nach dem Modell 1842 wurden in den folgenden Jahrzehnten nach weiteren Beschlüssen der Bundesbehörde optimiert. Das vorliegende Exemplar zählt zu den 1882 Thurgauer Gewehren, die 1859 mit einem gezogenen Lauf nach dem System Prélaz-Burnand aufgerüstet werden sollten. Das von der Bundesbehörde grossangelegte komplexe Projekt, das 64 437 Gewehre aus allen Kantonen betraf, hätte in einer Zentralwerkstätte in Zofingen durchgeführt werden sollen. Der Plan erwies sich als untauglich, weshalb zusätzlich kantonale Zeughäuser und private Waffenschmiede mit den Umänderungen der Waffen beauftragt wurden, allerdings immer unter der Kontrolle eidg. Inspektoren. Von den Thurgauer Vorderladern konnten 379 in Zofingen transformiert werden. 600 Stück kamen in den Thurgau zurück und wurden hier von den Waffenschmieden ertüchtigt.

In der belgischen Stadt Lüttich (Liège) entwickelte sich seit dem 16. Jh. ein blühendes Gewerbe der Waffenschmiede. Stellten die Produzenten zuerst Kanonenläufe und Kugeln her, fertigten sie ab dem 17. Jh. Bestandteile für Handfeuerwaffen an. Ab 1672 prüfte ein offiziell bevollmächtigter Kontrolleur die Qualität der Läufe und versah sie mit einem gepunzten Gütezeichen (Beschau), das die Qualität der Ware garantierte. Jedoch erst ab 1810 durften nur noch geprüfte Produkte ausgeliefert werden. Die Waffenschmiede führten ihre Arbeit im Auftrag von Zwischenhändlern aus, die den Kontakt zu den Kunden hatten.
Beuret Frères, Waffenhersteller in Liège (Lüttich, BEL)
um 1842–Anfang 1870er-Jahre
L. 147 cm, Lauf L. 108 cm; Bajonett L. 53 cm, Klingenlänge 45.9 cm
Stahl, Eisen, Nussbaumholz
T 40349
Albert W. Schoop, Geschichte der Thurgauer Miliz, Frauenfeld 1948.

Eugène Heer, Der neue Stöckel, Bd. 3, Internationales Lexikon der Büchsenmacher, Feuerwaffenfabrikanten und Armbrustmacher von 1400–1900, Schwäbisch Hall 1978, S. 98.

Eugène Heer, Der neue Stöckel, Bd. 3, Internationales Lexikon der Büchsenmacher, Feuerwaffenfabrikanten und Armbrustmacher von 1400–1900, Schwäbisch Hall 1982, S. 1628–1629, Marken 8771–8772.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Eidgenössische Handfeuerwaffen (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 2), Dietikon-Zürich 1979, S. 26–28, 53, 152, Nr. 2.

Peter H. Kunz, Technische Entwicklung der Feuerwaffe 1200 bis 1900, Eine Zusammenfassung der wichtigsten historischen und technischen Daten in Texten, Zeichnungen und Bildern, Zürich 2008, S. 305.
Schlagwörter: Militaria, Staatliche Institutionen, Waffen