Gewehr mit Perkussionsschloss, Vorderlader der Thurgauer Infanterie, eidgenössisches Modell 1842/1859, mit Stichbajonett Modell 1842/1859/1867

zurück

Runder gezogener Lauf mit vier Zügen, hinten oktogonal. Leiervisier mit Stellung für 200 bis 700 Schritt, Mückenkorn. Geschweifter Hahn mit geriffeltem (Griffoptimierung) Daumendrücker (Perkussionshammer), Piston. Eisengarnitur mit drei Bändern, je mit Federhalterung, erhabene Schlossplatte, schmales Schlossblech, runder Abzugsbügel, angeschraubtes Bügelblatt mit zwei Querrippen (Griffoptimierung), angeschraubte gerade Kolbenkappe. Mittelband und Bügelblatt mit breitem Riemenbügel. Eiserner Putzstock mit kegelförmigem Kopf.
Voller Nussbaumholzschaft mit eingezogenem Kolben.

Schläge: Auf Lauf Beschussmarke von Liège (Lüttich, BEL) «E. L. G.» mit Stern in Oval (amtliche Prüfung), Tatzenkreuz (Malteserkreuz), Kontrollpunze mit Schweizerkreuz in Kreis (ab 1859). Punze des Herstellers je auf Schlossplatte und Lauf «A. FRANCOTTE A LIEGE», auf Kammer und Schlossblech je «AF» unter Krone (August Francotte). Auf Lauf bekröntes «PH» und Waffennummer «2236», diese auch auf Kolbenhals. Visier mit «ST». Diverse Schrauben je mit bekröntem «F» bzw. «A», tw. verschlagen und nicht lesbar.
Kontrollpunzen des kantonalen Inspektors in zwei verschiedenen Ausführungen: Auf Lauf «TH» und auf Visier grosser Kantonsschlag «CT», verwischt und in Oval.

Kaliber: 17.5 mm

Dreikantiges Tüllenbajonett.
Schläge: «AF» unter Krone. «A»? unter Krone, «3223» (Waffennummer), «90».
Für die Bewaffnung seiner Infanteristen war jeder Schweizer Kanton eigenständig verantwortlich. Ab 1826 bezog ein Thurgauer Soldat seine Waffe gegen Bezahlung vom Zeughaus in Frauenfeld, das 1820–1822 eingerichtet wurde. Die Anfertigung von Militärschusswaffen erfolgte in den Werkstätten der kantonalen Zeughäusern oder von einheimischen Büchsenmachern im Auftrag der milizpflichtigen Wehrmänner produziert. Denn bis zur Einführung des Bundesheers 1874 trugen die Soldaten die Kosten für ihre Ausrüstung grösstenteils selbst.
Wehrmänner, die sich keine eigene Waffe leisten konnten, bekamen diese leihweise vom Zeughaus in Frauenfeld ausgehändigt. Sowohl die Gewehre in Staats- wie in Privatbesitz waren mit dem Thurgauer Kantonsschlag versehen, der in drei Varianten vorliegt «CT», «TH» und «CTH». Die mit solch einer Markierung bezeichneten Waffen entsprachen der behördlichen Vorschrift hinsichtlich der Beschaffenheit der Gewehre (Ordonnanzen). Die Gewehre der Modelle 1842 und 1859 gehörten bis zur Einführung des Vetterli-Gewehrs Anfang der 1870er-Jahre zur Bewehrung der Schweizer Armee. Mit der Aussortierung dieser Stücke hörte auch die kantonale Kontrolle der Waffen und damit die Anbringung des Kantonsschlags auf. Fortan lag die Prüfung der Gewehre in den Händen der eidgenössischen Experten, welche die von ihnen erprobten Waffenteile mit Punzen versahen, die oftmals aus dem Anfangsbuchstaben ihres Nachnamens bestanden.

Lieferanten der Gewehre waren hauptsächlich Manufakturen in Frankreich und Belgien, so wie bei diesem Exemplar die Firma Francotte in Liège (BEL). Solche Waffen erfuhren aufgrund der Bestimmungen der Bundesbehörde mehrmals Abänderungen, wobei viele der mit dem Stempel des belgischen Herstellers versehenen originalen Teile erhalten blieben. Francotte war in Lüttich (französisch Liège) ansässig. In dieser belgischen Stadt entwickelte sich seit dem 16. Jh. ein blühendes Gewerbe der Waffenschmiede. Stellten die Produzenten zuerst Kanonenläufe und Kugeln her, fertigten sie ab dem 17. Jh. Bestandteile für Handfeuerwaffen an. Ab 1672 prüfte ein offiziell bevollmächtigter Kontrolleur die Qualität der Läufe und versah sie mit einem gepunzten Gütezeichen (Beschau), das die Qualität der Ware garantierte. Jedoch erst ab 1810 durften nur noch begutachtete Produkte ausgeliefert werden. Die Waffenschmiede führten ihre Arbeit im Auftrag von Zwischenhändlern aus, die den Kontakt zu den Kunden hatten.

1859 beschloss die Schweizerische Bundesversammlung die Gewehre der Fusstruppen, die dafür geeignet waren, zu Waffen mit gezogenen Läufen ertüchtigen zu lassen, womit die Reichweite des Schusses optimiert werden konnte. Alle Rollgewehre – Waffen mit glatten Läufen – der bisherigen Ordonnanz mit Kaliber 18 mm sollten daher nach dem System Prélaz-Burnand umgebaut werden. Edouard Burnand (1814–1892) war Oberst und Waffenchef der Schweizer Artillerie und 1857–1870 Direktor der Waffenfabrik Neuhausen (SH). Zusammen mit seinem Kompagnon Jean-Louis Joseph Prélaz (1819–1868), einem Waffenmechaniker, entwickelte er die Transformation der Vorderlader mit glattem Lauf zu Gewehren mit gezogenem Lauf, was die Schussdistanz von 200 auf 800 Schritt wesentlich erhöhte. Diese Aufrüstung erforderte den Austausch der bis dahin gebräuchlichen Kimme gegen ein regulierbares Leiervisier, das aufgelötet wurde. Ursprünglich sollte dieses Vorhaben eine Zentralwerkstätte in Zofingen ausführen, der die Kantone die Gewehre zur Umrüstung abzuliefern hatten. Dieser Plan konnte nicht erfolgreich zu Ende geführt werden, weshalb sich auch kantonale Zeughäuser und private Büchsenmacher, unter der Kontrolle eidg. Inspektoren, am Projekt beteiligten. Von den Thurgauer Vorderladern konnten 379 in Zofingen zu Hinterladern transformiert werden. 600 Stück kamen in den Thurgau zurück und wurden hier von den Waffenschmieden ertüchtigt.
Francotte, August, (*1805), Waffenhersteller in Liège (Lüttich, BEL)
um 1842–Anfang 1870er-Jahre
L. 147 cm, Lauf L. 108 cm; Bajonett L. 54.5 cm, Klinge 48 cm
Stahl, Eisen, Nussbaumholz
T 40348
Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Oskar Krebs, Christian Reinhart, Handfeuerwaffen System Vetterli (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 3), Dietikon-Zürich 1970, S. 107.

Albert W. Schoop, Geschichte der Thurgauer Miliz, Frauenfeld 1948.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Eidgenössische Handfeuerwaffen (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 2), Dietikon-Zürich 1979, S. 26–28, 53, 169–174.
Schlagwörter: Militaria, Waffen