Langgewehr der Schweizer Infanterie, Repetiergewehr mit Gradzugverschluss nach dem System Schmidt-Rubin, Modell 1889, aus der Sammlung des Thurgauer Kantonalschützenverbands

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Runder brünierter Lauf mit drei Zügen, Verschluss mit Drehhülse und vornliegenden Verriegelungswarzen, Riegelschieber mit rotbraunem Griff aus Canevasit, Quadrantvisier mit Skala auf linker Visierbacke für Stellung von 300 bis 2000 m, im Schwalbenschwanz eingeschobenes Dachkorn auf quer zum Lauf eingeschobenem Kornträger, Oberband mit Klemmschraube rechts und Stift links sowie Bajonetthaft unten, Pyramidenstift (für die Formierung einer Gewehrpyramide während der Pause), Unterband mit Klemmschraube rechts, Federhalterung und Riemenbügel unten, runder angeschraubter Bügel, angeschraubtes Bügelblatt, hinterer geschraubter Riemenbügel an angeschraubtem Montageband. Vollschäftung mit Handschutz, beidseitige Griffmulden am Vorderschaft (Schaftnuten), leicht geschwungener Kolbenabschluss mit angeschraubter Kolbenkappe.
Abnehmbares zweireihiges Kastenmagazin für zwölf Patronen. Vor Magazinkasten Falle (Halterung), um diesen zu lösen.
Alle Metallteile ausser Schlagbolzen, Verschluss und Riemenbügel sind brüniert.
Originaler Lederriemen mit runden Doppelniet-Knöpfen, hinten in der Länge verstellbar.

Schläge: Waffennummer «197358» zwei Mal auf Lauf und je einmal auf Verschluss, Verschlussgehäuse und Magazin, verkürzte Waffennummer «358» je auf Visierblatt, Riegelgriff und Kolbenkappe. Auf Verschlussgehäuse «P 34» (Privateigentum ab 1934), auf Kolben in Kartusche Angabe der militärischen Einheit «D4+CI» (wohl Abnahmestempel des eidg. Inspektors) sowie «9». Eidg. Kontrollstempel «V» unter Kreuz in Rechteck auf Lauf (Kontrollstempel ab 1869, ev. von Inspektor Oberst Vogelsang, im Einsatz 1879–1912). Schweizerkreuz je zwei Mal auf Lauf und Visierblatt und je einmal auf Ober- und Unterband, Kornträger, Verschlusshülse, Bügel und Bügelblatt, Abschlussband vom Handschutz, Visierbacke, Griffansatz vom Riegelschieber, Kolbenkappe und Montageband vom hinteren Riemenbügel (Annahmestempel für Bestandteile).

Bajonett mit Lederscheide fehlt.
Im Juni 1889 beschlossen Bundesrat und Nationalrat, die Schweizer Armee mit Gewehren auszurüsten, die mit einem neuen, händisch leicht zu bedienenden Verschlusssystem, dem Gradzugverschluss, ausgestattet waren. Die Konstrukteure dieser Waffe waren Eduard Rubin (1846–1920), Maschineningenieur, Oberst und Direktor der Eidgenössischen Munitionsfabrik Thun und Rudolf Schmidt (1832–1898), Oberst und Direktor der Eidgenössischen Waffenfabrik Bern. Mittels zweier Bewegungen in horizontaler Linie war die Waffe schussbereit, wobei Vollmantelgeschosse zum Einsatz kamen. Die beiden konkurrenzierenden Unternehmen, die Waffenfabrik Bern und die Schweizerische Industrie-Gesellschaft in Neuhausen (SH), beteiligten sich, zusammen mit weiteren 32 Firmen, am komplexen, immer wieder stockenden Projekt. Schliesslich lieferten die Fabrikanten und Büchsenmacher insgesamt 212 000 Gewehre vom Modell 1889 der Schweizer Armee ab. Die Waffen waren bis 1934 in Gebrauch und fanden in der Folge bei den Ortswehren und Flurwachen sowie im Betriebsschutz Verwendung. Ab 1947 sollte ihre Liquidation erfolgen, die jedoch nicht konsequent vonstatten ging. Bis 1949 konnte das Gewehr in den kantonalen Zeughäusern für CHF 5.– erworben werden. Ausscheidende Wehrmänner bekamen es sogar bis 1955 überreicht und erst 1963 kam es zur endgültigen Demontage der Waffe.
Das vorliegende Exemplar mit der Nummer «197358» wurde 1896 in Bern produziert und 1934 an eine Privatperson abgegeben. Später kam die Waffe in den Besitz des 1835 gegründeten Thurgauischen Schützenvereins. Zum Gründungskomitee dieses Vereins gehörte auch Prinz Louis Napoléon Bonaparte. Der Ehrenbürger des Kantons Thurgau, Bewohner von Schloss Arenenberg und spätere französische Kaiser Napoléon III., wirkte von 1838–1839 als Vorstandspräsident.
2005 erfolgte die Umbenennung vom Schützenverein zum Kantonalschützenverband. Lange Zeit trugen Vereinsmitglieder Andenken und Ehrengaben von Schiessanlässen zusammen und legten ein umfangreiches Archiv an, zu dem Schenkungen und Nachlässe von regionalen Thurgauer Schützenvereinen kamen.

2016 ging der vielfältige Bestand von ca. 500 Objekten (u.a. Scheiben, Fahnen, Waffen, Gefässe, Medaillen) in den Museumsbesitz über. Einzelne Sammlungsstücke werden seit Jahren in der Schützenstube im ehemaligen Gasthaus Adler in Ermatingen ausgestellt.

Die 1871 gegründete Waffenfabrik Bern (W+F) stellte Faust- und Handfeuerwaffen her und war dem Militärdepartement unterstellt. 1999 erfolgte die Namensänderung in RUAG (Rüstungsunternehmen-Aktiengesellschaft).
Eidgenössische Waffenfabrik Bern (W+F) (*1871), heutige RUAG
1896
L. 130 cm, Lauf L. 78
Stahl, brüniert; Eisen; Nussbaumholz; Leder
T 21866
Schweizerischer Schützenverein (Hrsg.), Hand- und Faustfeuerwaffen, Schweizerische Ordonnanz 1817 bis 1867, Frauenfeld 1971, S. 98–99.

Kurt Sallaz, Michael am Rhyn, Handfeuerwaffen Gradzug-Systeme (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 4), Dietikon-Zürich 1978, S. 17–22, 57, 62, 94.

Ernst Grenacher, Schweizer Militärgewehre Hinterladung 1860–1990, 2015, S. 289–296, 343–351.
Schlagwörter: Militaria, Waffen, Industrie, Vereinswesen

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