Feldstutzer der Scharfschützen, Hinterladergewehr nach dem System Milbank-Amsler, Modell 1851/1867, mit nummergleichem Stichbajonett Modell 1851

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Vom Vorderlader zur Hinterladerbüchse nach dem System Milbank-Amsler umgeändert.

Runder brünierter gezogener Lauf, ab Kammeransatz oktogonal. Quadrantenvisier und Dachkorn seitlich eingeschlauft. Vorliegendes Kettenschloss. Schlosshahn mit geriffeltem Hahnsporn (Griffoptimierung). Abzug mit Stecher. Eisengarnitur mit Abzugsbügel, kappenartigem Vorderschaftabschluss, Kolbenkappe mit olivenförmiger Kappenschraube mit Loch oben und gerundetem Fuss unten (Stellhorn). Zwei Schieber als Laufbefestigung. Zwei Bügel für den Tragriemen. Bajonetttülle an Laufmündung. Lange Führung für den Ladestock, der zum Putzstock umgeändert wurde, indem das Stahlrohr mit einem Messingaufsatz ergänzt wurde. Voller Nussbaumholzschaft mit geschweifter Kolbenkappe. Dreikantiges Tüllenbajonett mit dreikantiger Klinge und Gleitfeder.

Schläge: Auf Kammer Waffennummer «297» und Stempel vom Zeughaus Frauenfeld «TH» (Besitzer) sowie Punze der Kontrollinspektion in Form von Schweizerkreuz und «L». Auf Verschlussgehäuse «ZOLLER», der Büchsenmacher, sowie wiederum Stempel der Kontrollinspektion in Form von Schweizerkreuz und «L». Auf Seitenplatte Herstellerangabe «BF» von Krone überhöht für Beuret Frères Liège. Kolbenhals mit Waffennummer, Zeughausstempel sowie «1». Auf Abzugsbügelblatt «B». Ladestock mit Waffennummer und «BF» unter Krone überhöht für Beuret Frères Liège. Vorderschaftabschluss mit «B 2». Waffennummer auf Bajonett «2[2 hochgestellt]97».
Beim Stutzer handelt es sich ursprünglich um ein kurzes, besonders handliches Jagdgewehr mit gezogenem Lauf und vollem Schaft bis zur Mündung. Im militärischen Bereich erlangte der Stutzer Bedeutung als besonders präzise Waffe bei den im 18. Jh. aufgestellten Jäger- und Scharfschützeneinheiten.
1851 wurde das eidg. Scharfschützenkorps, eine Eliteeinheit aus Kontingenten weniger Kantone, erstmals mit einer Ordonnanzwaffe ausgestattet, die der Bundesrat 1850 genehmigt hatte. Mit diesem Schritt versah die Schweiz zum ersten Mal ihre Armee mit einer in allen Kantonen identischen Waffe (Ordonnanzwaffe). Allerdings gab es Lieferschwierigkeiten bei der Beschaffung der Bestandteile, da diese aus Liège (Lüttich) in Belgien bezogen werden mussten. Im Schreiben vom 20. Mai 1850 kündigte das eidg. Militärdepartement den Regierungen jener Kantone, die Scharfschützenkorps unterhielten, an, dass der Verwalter des eidg. Kriegsmaterials ein Modell des Stutzers nach neuer eidg. Ordonnanz zusenden werde. Das Modell diente den kantonalen Büchsenmachern als Vorlage für den Bau des Waffentypus, so auch dem Frauenfelder Anton Zoller. Dieser rüstete insgesamt 1501 Gewehre nach dem System Milbank-Amsler auf.

1867–1869 fand eine signifikante Umgestaltung und Optimierung der Schweizer Armeewaffen statt. Dabei handelte es sich um ein beachtliches Projekt, wovon rund 133 000 Gewehre betroffen waren – 8580 Stück gehörten zur Thurgauer Truppe –, und zwar solche, die bereits im Einsatz waren aber auch Waffen, die sich noch in Fabrikation befanden. Ausschlaggebend für dieses Unternehmen war mitunter der Preussisch-Österreichische Krieg von 1866, der die Überlegenheit der Hinterlader vor Augen führte. Deshalb wurden alle klein- und grosskalibrigen Gewehre (10,5 mm und 18 mm) zu einschüssigen Hinterladern umgebaut. Diese Abänderung zum Hinterlader nach dem System Milbank-Amsler war von eminenter Bedeutung. Sie ermöglichte eine wesentlich andere Kampfführung im Feld sowie das Laden in kniender oder sogar liegender Position. Mit diesem System des Mathematikprofessors Jakob Amsler-Laffon (1823–1912) aus Schaffhausen auf der Basis des amerikanischen Konstrukteurs J. M. Milbank konnte in die bestehenden Vorderlader ein Klappverschluss eingebaut werden, welcher das Laden von hinten mit einer Metall-Patrone ermöglichte. Mit diesen Neuerungen und der Randfeuerpatrone (Einheitspatrone mit Metallhülse) erhöhte sich die Schusskadenz von drei auf sieben bis zwölf Schuss in der Minute erheblich. Um die 5000 Feldstutzer wurden abgeändert.
Ab 1872 kam es zur Ausmusterung dieser über 60 Jahre alten Gewehre. Bis 1888 waren sie Bestandteil der Kriegsreserve.

Vorliegende Waffe war in der Scharfschützenkompanie im Einsatz, einer militärischen Einheit mit treffsicheren Soldaten (franz. tireur d’élite, Meisterschütze; engl. marksman, das Ziel treffende Person). Die Scharfschützen, meist in dunkelgrüner Uniform, waren für den Feuerschutz der Artillerie und der Infanterie zuständig, verstärkten die in loser Formation den Gegner irritierenden Jäger und verteidigten feste Plätze. Bis 1874 waren die Scharfschützen ein selbständiger, von der Infanterie getrennter Truppenkörper. Gehörten 1807 20 Thurgauer Scharfschützen zum eidg. Heer, waren es 1817 bereits 100 Mann im Auszug sowie 100 Mann in der Reserve und ab 1848 zwei Kompanien à 100 Soldaten und eine Reservekompanie. Die beiden Thurgauer Scharfschützenkompanien hatten die Nummern 5 und 26. Aufgrund der Militärorganisation von 1874 kam es zur Aufhebung der Waffengattung der Scharfschützen. Sie dienten fortan in den Schützenformationen, waren nicht mehr mit besonderen Gewehren ausgerüstet und durchliefen die gleiche Ausbildung wie die Infanteristen. Auch die Einheit der Jäger wurde aufgelöst.

In der belgischen Stadt Lüttich (Liège) entwickelte sich seit dem 16. Jh. ein blühendes Gewerbe der Waffenschmiede. Stellten die Produzenten zuerst Kanonenläufe und Kugeln her, fertigten sie ab dem 17. Jh. Bestandteile für Handfeuerwaffen an. Ab 1672 prüfte ein offiziell bevollmächtigter Kontrolleur die Qualität der Läufe und versah sie mit einem gepunzten Gütezeichen (Beschau), das die Qualität der Ware garantierte. Jedoch erst ab 1810 durften nur noch begutachtete Produkte ausgeliefert werden. Die Waffenschmiede führten ihre Arbeit im Auftrag von Zwischenhändlern aus, die den Kontakt zu den Kunden hatten.
Zoller, Anton (1817–1881), geboren und gestorben in Budapest, Waffenschmied in Frauenfeld 1845–1869

Beuret Frères, Waffenhersteller in Liège (Lüttich, BEL)
ab 1851
L. 126 cm, Lauf L. 75.9 cm; Bajonettlänge 58.5 cm
Stahl, brüniert; Eisen; Messing; Nussbaumholz
T 40290
Die schweiz. Ordonnanz-Hinterladergewehre, seit 1867, in: Schweizer Soldat, Monatszeitschrift für Armee und Kader mit FHD-Zeitung, Bd. 4, Heft 11, 1928–1929, S. 251–252, 261–262.

Albert W. Schoop, Geschichte der Thurgauer Miliz, Frauenfeld 1948, S. 172–173.

Hugo Schneider, Schweizer Waffenschmiede vom 15. bis 20. Jahrhundert, Zürich 1976, S. 295.

Eugène Heer, Der neue Stöckel, Bd. 2, Internationales Lexikon der Büchsenmacher, Feuerwaffenfabrikanten und Armbrustmacher von 1400–1900, Schwäbisch Hall 1979, S. 1437.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Eidgenössische Handfeuerwaffen (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 2), Dietikon-Zürich 1979, S. 34–39.

Ernst Grenacher, Schweizer Militärgewehre Hinterladung 1860–1990, 2015, S. 15–17.

Jürg A. Meier, Marc Höchner, Die Berner Jägertruppe entsteht, Schwerter, Säbel, Seitenwehren, Bernische Griffwaffen 1500–1850 (Schriften des Bernischen Historischen Museums, Bd. 15), 2021, S. 108–109, Kat. Nr. 21.
Schlagwörter: Militaria, Waffen, Gewerbe