Stutzer der Thurgauer Scharfschützen mit Kippklappverschluss, Hinterlader nach dem System Milbank-Amsler, eidgenössisches Modell 1864/1867, mit Säbelbajonett (Jatagan)

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Aus einem Vorderlader mit Perkussionszündung transformierter Hinterlader nach dem System Milbank Amsler.

Runder brünierter gezogener Lauf mit vier Zügen. Quadrantvisier für Stellung von 200 bis 1000 Schritt, Korn mit Schwalbenschwanz. Oberband aus Halbrundhülse als Laufabschluss, rechts Halbrundhülse als Bajonetthaft, Schieberhaftung. Flache Schlossplatte, S-förmiger Hahn mit geriffeltem Daumendrücker (Griffoptimierung), zungenförmiger Klapphebel (zum Öffnen des Schlosses), geschweifter geschraubter Abzugsbügel, Stecherabzug, angeschraubtes Bügelblatt mit breitem Riemenbügel, angeschraubte Kolbenkappe mit Stellhorn und -schraube. Vorderer Riemenbügel beidseitig mit Stiften im Schaft befestigt, daneben Schieberhaftung. Putzstockführung vorne unter Oberband, hinten Pfeife mit spitzem Einsatz im Schaft, dazwischen brüniertes Rohr. Volle Nussbaumholzschäftung mit geschwungenem Kolbenabschluss. Stählerner Ladestock mit Scheibenkopf, umgeändert aus Putzstock.
Ausser dem Lauf waren alle Teile ehemals gebläut.

Schläge: Auf Verschluss Hersteller «Neuhausen S. I. G.», eidg. Kontrollstempel mit Schweizerkreuz in Schild (ab 1867) sowie «B» unter Schweizerkreuz in Oval (ab 1867, vermutlich für Herrmann Bader, einem Büchsenmacher in Tägerwilen). Auf Lauf und Kolbenhals Waffennummer je «487» sowie «TH» (Zeughaus Frauenfeld, Besitzer). Auf Lauf «GW», eidg. Kontrollstempel mit Schweizerkreuz in Schild (ab 1867) sowie «K» unter Schweizerkreuz in Oval (ab 1867). Auf Lauf sowie Kolbenhals je Angabe «JR» (Jakob Rieter & Co., Winterthur, Produzent von Waffenteilen). Auf Visier «G» unter Schweizerkreuz in Oval (ab 1867), zwei Mal «11», «MB» sowie «B» oder «R»? Auf Hahn «R», auf Vorderband «JR». Auf Vorderbandabschluss, Kolben und Hahnschraube «11». Auf Kolben «O» in Schild unter Schweizerkreuz sowie «GW» in Zierschrift.
Auf Putzstock bekröntes «BF» für den belgischen Hersteller Beuret Frères in Liège, «JR» und «R», auf Kopf «11».

Kaliber: 10.5 mm

Säbelbajonett mit Gefäss mit Messingknauf und Eisenparierstange. Griff beidseitig mit gewaffeltem Presslederplatten belegt. Fünffach vernietet. Im Griffstück Arretierfeder. Geschwungene Rückenklinge. Beidseitig Hohlschliffe. Schwarze Lederscheide mit Messinggarnitur. Mundstück mit Öse mit Lasche.
Schläge: Auf Knauf Waffennummer «25». Auf Klinge Hersteller «GEBR. WEYERSBERG SOLINGEN».
Der Stutzer war ursprünglich ein kurzes, besonders handliches Jagdgewehr mit gezogenem Lauf und Schaft bis zur Mündung. Im militärischen Bereich erlangte er als besonders präzise Waffe bei den im 18. Jh. aufgestellten Jäger- und Scharfschützenkompanien Bedeutung. Sein Zündsystem wurde mehrmals verändert bis zur Annahme des Vetterli-Stutzers im Jahr 1871.
So beschloss der Bundesrat am 10. Dezember 1864 die Produktion des Stutzers Modell 1864, ein Vorderlader mit Perkussionszündung. 1867 verfügte er, diese Gewehre auf Hinterlader für Metallpatronen umbauen zu lassen. Bereits ein Jahr später wurde das Projekt gestoppt und die Einführung des Repetiergewehrs nach dem System Vetterli verordnet, wobei die Scharfschützen als Zwischenlösung mit Peabodygewehren ausgerüstet wurden. Die Modelle 1864/1867, wie das vorliegende Gewehr, wurden der Kriegsreserve zugeteilt und später verschrottet, so dass heute nur wenige Exemplare bekannt sind.

Die Beiwaffe zu diesem Gewehr ist ein sogenannter Jatagan. Das Wort «Jatagan» (auch Yatagan) ist türkischen Ursprungs und bezeichnet eigentlich einen osmanischen Säbel, der nach der gleichnamigen Stadt im Südwesten der Türkei benannt ist. Mitte des 19. Jhs. wurde der Jatagan Bestandteil der militärischen Bewaffnung. In Frankreich wurde 1840 für die Muskete M 1840 eine Bajonettklinge verwendet, deren Vorbild der Jatagan war. Auch im Vereinigten Königreich und in der Schweiz kamen solche Säbelbajonette zum Einsatz.

Vorliegende Waffe war in der Scharfschützenkompanie im Einsatz, einer militärischen Einheit mit treffsicheren Soldaten (franz. tireur d’élite, Meisterschütze; engl. marksman, das Ziel treffende Person). Die Scharfschützen, meist in dunkelgrüner Uniform, waren für den Feuerschutz der Artillerie und der Infanterie zuständig, verstärkten die in loser Formation den Gegner irritierenden Jäger und verteidigten feste Plätze. Bis 1874 waren die Scharfschützen ein selbständiger, von der Infanterie getrennter Truppenkörper. Gehörten 1807 20 Thurgauer Scharfschützen zum eidg. Heer, waren es 1817 bereits 100 Mann im Auszug sowie 100 Mann in der Reserve und ab 1848 zwei Kompanien à 100 Soldaten und eine Reservekompanie. Die beiden Thurgauer Scharfschützenkompanien hatten die Nummern 5 und 26. Aufgrund der Militärorganisation von 1874 kam es zur Aufhebung der Waffengattung der Scharfschützen. Sie dienten fortan in den Schützenformationen, waren nicht mehr mit besonderen Gewehren ausgerüstet und durchliefen die gleiche Ausbildung wie die Infanteristen. Auch die Einheit der Jäger wurde aufgelöst.
SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) (*1853), Hersteller von Waffen, Automobilen und Waggons in Neuhausen (SH)

Gebrüder Weyersberg (*1787), Hersteller von Blankwaffen in Solingen
1864–um 1871
L. 126 cm, Lauf L. 75.9 cm; Bajonett L. 65.3 cm, Klingenlänge 52.5 cm
Stahl, brüniert; Eisen; Messing; Nussbaumholz; Leder, gepresst
T 40536
Albert Schoop, Geschichte der Thurgauer Miliz, Frauenfeld 1948, S. 172–173.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Eidgenössische Handfeuerwaffen (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 2), Dietikon-Zürich 1979, S. 99, 169–174, 153, Nr. 7.

Ernst Grenacher, Schweizer Militärgewehre Hinterladung 1860–1990, 2015, S. 82–83, 135.

https://rheinland.museum-digital.de/people/10330, aufgerufen am 23.07.2023.
Schlagwörter: Militaria, Industrie, Waffen

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