Gewehr mit Kippklappverschluss nach dem System Milbank-Amsler, erster Hinterlader der Schweizer Armee, mit Stichbajonett Modell 1843/1859/1867, aus der Sammlung des Thurgauer Kantonalschützenverbands

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Gezogener Rundlauf, ab Kammer oktogonal. Bajonettnocken auf Laufmündung. Visier mit U-förmiger Kimme und Linsenkorn aus Messing auf Vorderband. Schlosshahn mit geriffeltem Hahnsporn (Griffoptimierung). Eisengarnitur mit drei Bändern, Laufbefestigung mit Bandfedern, Abzugsbügel, Seitenplatte und Kolbenkappe. Zwei Bügel für den Tragriemen. Lederner Tragriemen mit eckiger Schnalle aus Messing. Eiserner Putzstock mit kegelstumpfförmigem Kopf. Vollschaft. Kolben mit Backenausschnitt links und geradem Abschluss.

Schläge: Auf Lauf zwei Mal «TH» (Zeughaus Frauenfeld, Besitzer) und Waffennummer «1870» sowie Kontrollstempel vom eidg. Inspektor in Form von Schweizerkreuz. Diverse Schrauben mit je gepunzter «56». Auf Kolbenhals ligierter Kantonsschlag «CT» (Kanton Thurgau, Kontrollpunze des kantonalen Inspektors) in Oval, Waffennummer und «328» sowie «LO». Auf hinterem Abzugsbügelblatt weitere, nicht zu entschlüsselnde Punzen. Auf Kolben «HE».

Tüllenbajonett mit Dreikantklinge, Länge 48 cm, Klingenlänge 40.5 cm. Rechteckige Nockenausfräsung für die Bajonetthaft am Lauf unten. Schläge: auf Klinge «L4», Beschusspunze?. Auf Hals «237» (Waffennummer) und ligierte Buchstaben LG? unter Bügelkrone, Beschau von Liège (Lüttich, BEL)?.
1867–1869 fand eine signifikante Umgestaltung und Optimierung der Schweizer Armeewaffen statt. Dabei handelte es sich um ein beachtliches Projekt, wovon rund 133 000 Gewehre betroffen waren – 8580 Stück gehörten zur Thurgauer Truppe –, und zwar solche, die bereits im Einsatz waren, aber auch Waffen, die sich noch in Fabrikation befanden. Ausschlaggebend für dieses Unternehmen war mitunter der Preussisch-Österreichische Krieg von 1866, der die Überlegenheit der Hinterlader vor Augen führte. Deshalb wurden alle klein- und grosskalibrigen Gewehre (10.5 mm und 18 mm) zu einschüssigen Hinterladern umgebaut. Dieser Umbau nach dem System Milbank-Amsler war von eminenter Bedeutung. Sie ermöglichte eine wesentlich andere Kampfführung im Feld sowie das Laden in kniender oder sogar liegender Position. Mit diesem System des Mathematikprofessors Jakob Amsler-Laffon (1823–1912) aus Schaffhausen auf der Basis des amerikanischen Konstrukteurs J. M. Milbank konnte in die bestehenden Vorderlader ein Kippklappverschluss eingebaut werden, welcher das Laden von hinten mit einer Metall-Patrone ermöglichte. Dank diesen Neuerungen und der Randfeuerpatrone (Einheitspatrone mit Metallhülse) erhöhte sich die Schusskadenz von 3 auf 7 bis 12 Schuss in der Minute erheblich. Ab 1872 kam es zur Ausmusterung dieser über 60 Jahre alten Gewehre. Bis 1888 waren sie Bestandteil der Kriegsreserve.

Vorliegendes Gewehr ist ein Geschenk ans Museum vom 1835 gegründeten Thurgauischen Schützenverein. Zum Gründungskomitee des Vereins gehörte auch Prinz Louis Napoléon Bonaparte. Der Ehrenbürger des Kantons Thurgau, Bewohner von Schloss Arenenberg und spätere französische Kaiser Napoléon III., wirkte von 1838–1839 als Vorstandspräsident.
2005 erfolgte die Umbenennung vom Schützenverein zum Kantonalschützenverband. Lange Zeit trugen Vereinsmitglieder Andenken und Ehrengaben von Schiessanlässen zusammen und legten ein umfangreiches Archiv an, zu dem Schenkungen und Nachlässe von regionalen Thurgauer Schützenvereinen kamen.

2016 ging der vielfältige Bestand von ca. 500 Objekten (u.a. Scheiben, Fahnen, Waffen, Gefässe, Medaillen) in den Museumsbesitz über. Einzelne Sammlungsstücke werden seit Jahren in der Schützenstube im ehemaligen Gasthaus Adler in Ermatingen ausgestellt.
um 1867–1888
L. 140 cm, Lauf L. 103 cm
Stahl, Eisen, Messing, Nussbaumholz, Leder
T 21891
Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Eidgenössische Handfeuerwaffen (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 2), Dietikon-Zürich 1979, S. 34–39.

Ernst Grenacher, Schweizer Militärgewehre Hinterladung 1860–1990, 2015, S. 15–17.
Schlagwörter: Militaria, Waffen, Vereinswesen

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