Infanteriegewehr mit Kippklappverschluss nach dem System Milbank-Amsler, Hinterlader der kantonalen Truppe, Modell 1817/1842/1859/1867

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Aus einem Vorderlader transformierter Hinterlader nach dem System Milbank-Amsler.

Runder gezogener Lauf mit Bajonettnocken. Leiervisier und Linsenkorn. Eisengarnitur aus drei Bändern, Abzugsbügel und Kolbenkappe. Geriffelter Hahnsporn (Griffoptimierung). Je ein Bügel am Mittelband und am Abzugsbügel für den ev. originalen Tragriemen, dieser mit Messingschnalle. Eisenladestock. Vollschaft. Kolben mit geradem Abschluss und Backenausschnitt links. Das dazugehörige Tüllenbajonett mit dreikantiger Klinge fehlt.

Schläge: Auf Verschlussgehäuse Herstellerangabe «Gebr. Sulzer» und Blume in Oval. Auf Lauf die Zeughausmarke von Zürich (Besitzer) «Z.Z» (Zeughaus Zürich), dazwischen Schild mit Zürcher Wappen mit zwei «Z» auf der weissen Wappenhälfte und «3146.» (vermutlich Stempel der Zeughausdirektion Zürich), «4942» (Waffennummer), «2». Auf Schlossblech, Abzugsbügelband sowie Vorder- und Mittelband je «AF», darüber Krone für August Francotte in Liège sowie nicht entschlüsselbare Punzen, vermutlich Zahlen. Auf Kolben «4942».

Kaliber: 18 mm
Jeder Schweizer Kanton war für die Bewaffnung seiner Infanteristen selbst verantwortlich. Im Thurgau bezog ab 1826 ein Soldat seine Waffe gegen Bezahlung vom Zeughaus in Frauenfeld, das 1820–1822 eingerichtet worden war. Bis zur Einführung des Bundesheers 1874 trugen die Soldaten die Kosten für ihre Ausrüstung grösstenteils selbst. Wehrmänner, die sich keine eigene Waffe leisten konnten, bekamen diese leihweise vom Zeughaus ausgehändigt.
Lieferanten der Gewehre waren hauptsächlich Manufakturen in Frankreich und Belgien. In der Regel erwarb die zuständige kantonale Kommission das französische Modell von 1777, das 1801/02 optimiert wurde. Es entsprach dem eidgenössischen Reglement von 1817 und wurde im Thurgau 1820 eingeführt.

Diese Vorderladergewehre mit Steinschlosszündung, mit welchen die kantonalen Milizen bewaffnet waren, wurden im 19. Jh. mehrfach abgeändert. 1842 mit einer Perkussionszündung sowie 1859 mit einem gezogenen Lauf nach dem System Prélaz-Burnand (benannt nach den Waffentechnikern Joseph Prélaz und Edouard Burnand) versehen, wurden die Waffen 1867–1869 nochmals signifikant umgestaltet und optimiert. Die letztere Transformation war ein beachtliches Projekt, wovon rund 133 000 Gewehre betroffen waren. Ausschlaggebend war mitunter der Preussisch-Österreichische Krieg von 1866, der die Überlegenheit der Hinterlader vor Augen führte. Deshalb wurden alle klein- und grosskalibrigen Gewehre (10.5 mm und 18 mm) zu einschüssigen Hinterladern umgebaut. Dieser Umbau nach dem System Milbank-Amsler war von eminenter Bedeutung. Sie ermöglichte eine wesentlich andere Kampfführung im Feld sowie das Laden in kniender oder sogar liegender Position. Mit diesem System des Mathematikprofessors Jakob Amsler-Laffon (1823–1912) aus Schaffhausen auf der Basis des amerikanischen Konstrukteurs J. M. Milbank konnte in die bestehenden Vorderlader ein Kippklappverschluss eingebaut werden, welcher das Laden von hinten mit einer Metall-Patrone ermöglichte. Mit diesen Neuerungen und der Randfeuerpatrone (Einheitspatrone mit Metallhülse) erhöhte sich die Schusskadenz von 3 auf 7 bis 12 Schuss in der Minute erheblich.
Ab 1872 kam es zur Ausmusterung dieser über 60 Jahre alten Gewehre. Bis 1888 waren sie Bestandteil der Kriegsreserve.

Die Transformation zum Hinterlader 1867 erfolgte bei vorliegendem Exemplar durch die Firma Sulzer in Winterthur, die etwas über 27 000 Gewehre mit dem Verschluss-System Milbank-Amsler aufrüstete.
Francotte, August, (*1805), Waffenhersteller in Liège (Lüttich, BEL)

Gebrüder Sulzer, Giesserei, gegründet 1834 in Winterthur
1817–um 1872 im militärischen Einsatz
L. 142 cm, Lauf L. 106 cm (mit Verschlussgehäuse)
Stahl, Eisen, Nussbaumholz, Leder, Messing
Wg 169
Die schweiz. Ordonnanz-Hinterladergewehre, seit 1867, in: Schweizer Soldat, Monatszeitschrift für Armee und Kader mit FHD-Zeitung, Bd. 4, Heft 11, 1928–1929, S. 251–252, 261–262.

Albert W. Schoop, Geschichte der Thurgauer Miliz, Frauenfeld 1948.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Eidgenössische Handfeuerwaffen (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 2), Dietikon-Zürich 1979, S. 34–39.

Kriss Reinhart, Jürg A. Meier, Pistolen und Revolver der Schweiz seit 1720, Dietikon-Zürich 1998, S. 96–98, 102.

Ernst Grenacher, Schweizer Militärgewehre Hinterladung 1860–1990, 2015, S. 15–17, 19.
Schlagwörter: Militaria, Industrie, Waffen, Gewerbe