Repetierstutzer der Thurgauer Scharfschützen, Hinterlader nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1871, mit nummergleichem Stichbajonett

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Runder brünierter Lauf mit vier Zügen, ab Höhe Kammer oktogonal, bis 7.5 cm kurz vor Mündung geschäftet. Drehverschluss mit Zylinder, Röhrenmagazin für zehn Patronen im Vorderschaft und eine Patrone im Zubringer, Quadrantenvisier mit Vertikalschieber mit Aufsatz, Visierstellung bis 1000 m, Sattelkorn. Kastenschliesse entfernt. Gestuftes Oberband mit Federhalterung und Führung für Ladestock. Mittelband mit Federhalterung und breitem Riemenbügel.
Zweiteiliger Nussbaumholzschaft, Vorderschaft mit Verschnitt aus Fischhautmusterung (Handhabe). Kolben mit leicht geschwungenem Abschluss und stärker geschwungener angeschraubter Kolbenkappe mit ausgeprägten kuppelförmigen Ecken. Zweiteiliger geschwungener Abzugsbügel mit Fingerhaken, Stecherabzug, angeschraubtes Bügelblatt und breiter Riemenbügel mit angeschraubter Montage am unteren Kolbenrand. Eiserner Putzstock.
Tüllenbajonett mit vierkantiger Klinge.

Schläge: Punze des Herstellers sowie Waffennummer auf Verschlusskastendeckel «Waffenfabrik Bern 12256», auf Zylindergehäuse zwei Ovale mit je einem Schweizerkreuz über «N» (Kontrollstempel ab 1863) bzw. spiegelverkehrtem «S» (Kontrollpunze ab 1869 von Inspektor Rudolf Schmidt 1864–1874), «256» (abgekürzte Waffennummer). Auf oktogonalem Lauf Stempel vom Zeughaus Frauenfeld «TH» (Besitzer), Waffennummer «12256», Herstellerpunze mit Schweizerkreuz über «W.F.» (Waffenfabrik). Weitere Schläge «A 81», «CR», «GW», drei Ovale mit je Schweizerkreuz über spiegelverkehrtem «S», «O» (Kontrollpunze ab 1863) und «R» (Kontrollpunze ab 1867 von Inspektor Georg Raschein). Je ein Schweizerkreuz über «W» bzw. «E» (Kontrollpunze ab 1881). Auf Oberseite des Visierschiebers «O» unter Schweizerkreuz in Oval, auf Unterseite «256».
Bügel und Bügelblatt mit drei Ovalen je mit Schweizerkreuz über spiegelverkehrtem «S» und «256». Auf Kolbenkappe «256» und unlesbar verschlagene Punze, die vermutlich der Punze auf dem Oberband mit «W» in Schild entspricht. Auf Mittelband «O» unter Schweizerkreuz in Oval.
Auf Putzstock unlesbares Zeichen unter Schweizerkreuz. Bajonett mit «12256», «W» und «V» unter Schweizerkreuz in Oval.
Schläge auf Schaft «O» in Schild unter Schweizerkreuz, Zeughausschlag «TH» (Besitzer), «G» in Schild unter Schweizerkreuz, in Rahmung «D7+CI» (wohl Abnahmestempel des eidg. Inspektors), daneben Schweizerkreuz und horizontale «7».
Der Thurgauer Konstrukteur und nachmalige Direktor der SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) in Neuhausen, Johann Friedrich Vetterli (1822–1882), hat die modernste Waffe seiner Zeit entwickelt, die seither seinen Namen trägt. Das neue Verschlusssystem erlaubte eine Steigerung von bis zu 21 Schuss in der Minute sowie den Einsatz von Metallpatronen. Es war das erste Repetiergewehr, welches als Kriegswaffe verwendet wurde. Zur Familie der Vetterli-Repetierer gehörten 15 unterschiedliche Modelle von Infanteriegewehren, Stutzern und Karabinern für die Kavallerie. Letztere wurde auch vom Zoll und von der Polizei verwendet.
Beim Stutzer handelt es sich ursprünglich um ein kurzes, besonders handliches Jagdgewehr mit gezogenem Lauf und Schaft bis zur Mündung. Im militärischen Bereich erlangte der Stutzer Bedeutung als besonders präzise Waffe bei den im 18. Jh. aufgestellten Jäger- und Scharfschützenkompanien. Das Zündsystem wurde mehrmals verändert bis zur Annahme des Vetterli-Stutzers im Jahr 1871.

Die 1871 gegründete Waffenfabrik Bern (W+F) stellte Faust- und Handfeuerwaffen her und war dem Militärdepartement unterstellt. 1999 erfolgte die Namensänderung in RUAG (Rüstungsunternehmen-Aktiengesellschaft).
Eidgenössische Waffenfabrik Bern (W+F) (*1871), heutige RUAG
1871–1881
L. 126 cm, Lauf L. 78 cm
Stahl, brüniert; Eisen; Nussbaumholz
Wg 267
Erhard Clavadetscher, Zwei Thurgauer Waffenpioniere, Friedrich Vetterli und Friedrich von Martini, in: Thurgauer Jahrbuch 38. Jg., 1963, S. 7–18.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Oskar Krebs, Christian Reinhart, Robert Schiess, Handfeuerwaffen System Vetterli (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 3), Dietikon-Zürich 1970, S. 45.

Adrian Knoepfli, Schweizerische Industrie-Gesellschaft (SIG), in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.10.2011. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/041779/2011-10-27/, aufgerufen am 04.12.2023.

Jürg A. Meier, Marc Höchner, Die Berner Jägertruppe entsteht, Schwerter, Säbel, Seitenwehren, Bernische Griffwaffen 1500–1850 (Schriften des Bernischen Historischen Museums, Bd. 15), 2021, S. 108–109, Kat. Nr. 21.

Ernst Grenacher, Schweizer Militärgewehre Hinterladung 1860–1990, 2015, S. 232–233.
Schlagwörter: Militaria, Waffen, Industrie

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