Repetierstutzer der eidgenössischen Scharfschützen, Hinterlader mit Zylinderverschluss nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1881, mit Jatagan (Säbelbajonett) Modell 1878

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Runder gezogener Lauf, ab Kammeransatz oktogonal. Visier mit Blattfeder, die auf der linken Seite der linken Wand das ausziehbare Visierblatt enthält, welches die Erteilung der Elevation bis 1600 m ermöglicht. Eisengarnitur mit zwei Bändern, Oberband mit Bajonetthaft. Zwei Bügel für den Tragriemen. Quadarantenvisier System Schmidt, skaliert 2–12. Zweischüssiges Röhrenmagazin unter dem Lauf. Stecher System Schmidt. Abzugsbügel buntgehärtet. Putzstock. Vollständige Brünierung. Zweigeteilter voller Nussbaumholzschaft.

Bajonett mit Sägerückenklinge, dazu Schwarze Lederscheide.

Schläge: Auf Verschlusskasten Hersteller «WAFFENFABRIK BERN». Nussbaumholzschaft mit «TH» (Zeughaus Fabrik, Besitzer).
Auf Bajonett «SIG NEUHAUSEN» und Waffennummer «19340».

Kaliber: 10.4 mm
Der Thurgauer Konstrukteur und nachmalige Direktor der SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) in Neuhausen, Johann Friedrich Vetterli (1822–1882), hat die modernste Waffe seiner Zeit entwickelt, die seither seinen Namen trägt. Das neue Verschlusssystem erlaubte eine Steigerung von bis zu 21 Schuss in der Minute sowie den Einsatz von Metallpatronen. Es war das erste Repetiergewehr, welches als Kriegswaffe verwendet wurde. Zur Familie der Vetterli-Repetierer gehörten 15 unterschiedliche Modelle von Infanteriegewehren, Stutzern und Karabinern für die Kavallerie. Letztere wurde auch vom Zoll und von der Polizei verwendet.
Beim Stutzer handelt es sich ursprünglich um ein kurzes, besonders handliches Jagdgewehr mit gezogenem Lauf und Schaft bis zur Mündung. Im militärischen Bereich erlangte der Stutzer Bedeutung als besonders präzise Waffe bei den im 18. Jh. aufgestellten Jäger- und Scharfschützenkompanien. Das Zündsystem wurde mehrmals verändert bis zur Annahme des Vetterli-Stutzers im Jahr 1871.

Die Beiwaffe zu diesem Gewehr ist ein sogenannter Jatagan. Das Wort «Jatagan» (auch Yatagan) ist türkischen Ursprungs und bezeichnet eigentlich einen osmanischen Säbel, der nach der gleichnamigen Stadt im Südwesten der Türkei benannt ist. Mitte des 19. Jhs. wurde der Jatagan Bestandteil der militärischen Bewaffnung. In Frankreich wurde 1840 für die Muskete M 1840 eine Bajonettklinge verwendet, deren Vorbild der Jatagan war. Auch im Vereinigten Königreich und in der Schweiz kamen solche Säbelbajonette zum Einsatz.

Vorliegende Waffe war in der Scharfschützenkompanie im Einsatz, einer militärischen Einheit mit treffsicheren Soldaten (franz. tireur d’élite, Meisterschütze; engl. marksman, das Ziel treffende Person). Die Scharfschützen, meist in dunkelgrüner Uniform, waren für den Feuerschutz der Artillerie und der Infanterie zuständig, verstärkten die in loser Formation den Gegner irritierenden Jäger und verteidigten feste Plätze. Bis 1874 waren die Scharfschützen ein selbständiger, von der Infanterie getrennter Truppenkörper. Gehörten 1807 20 Thurgauer Scharfschützen zum eidg. Heer, waren es 1817 bereits 100 Mann im Auszug sowie 100 Mann in der Reserve und ab 1848 zwei Kompanien à 100 Soldaten und eine Reservekompanie. Die beiden Thurgauer Scharfschützenkompanien hatten die Nummern 5 und 26. Aufgrund der Militärorganisation von 1874 kam es zur Aufhebung der Waffengattung der Scharfschützen. Sie dienten fortan in den Schützenformationen, waren nicht mehr mit besonderen Gewehren ausgerüstet und durchliefen die gleiche Ausbildung wie die Infanteristen. Auch die Einheit der Jäger wurde aufgelöst.
Eidgenössische Waffenfabrik Bern (W+F) (*1871), heutige RUAG

SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) (*1853), Hersteller von Waffen, Automobilen, Waggons in Neuhausen (SH)
ab 1881
L. 132 cm, Lauf L. 84.3 cm; Klingenlänge Bajonett: 47.9 cm
Stahl, Eisen, Nussbaumholz, Leder
T 40313
Die schweiz. Ordonnanz-Hinterladergewehre, seit 1867, in: Schweizer Soldat, Monatszeitschrift für Armee und Kader mit FHD-Zeitung, Bd. 4, Heft 11, 1928–1929, S. 251–252, 261–262.

Albert W. Schoop, Geschichte der Thurgauer Miliz, Frauenfeld 1948, S. 172–173.

Erhard Clavadetscher, Zwei Thurgauer Waffenpioniere, Friedrich Vetterli und Friedrich von Martini, in: Thurgauer Jahrbuch 38. Jg., 1963, S. 7–18.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Oskar Krebs, Christian Reinhart, Robert Schiess, Handfeuerwaffen System Vetterli (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 3), Dietikon-Zürich 1970, S. 48–49.

Adrian Knoepfli, Schweizerische Industrie-Gesellschaft (SIG), in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.10.2011. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/041779/2011-10-27/, aufgerufen am 04.12.2023.

Jürg A. Meier, Marc Höchner, Die Berner Jägertruppe entsteht, Schwerter, Säbel, Seitenwehren, Bernische Griffwaffen 1500–1850 (Schriften des Bernischen Historischen Museums, Bd. 15), 2021, S. 108–109, Kat. Nr. 21.
Schlagwörter: Militaria, Waffen, Industrie