Repetiergewehr mit Zylinderverschluss, Hinterlader mit Zylinderverschluss nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1869/1871, mit Stichbajonett Modell 1871

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Runder brünierter Lauf mit vier konzentrischen Zügen, ab Kammer oktogonal. Drehverschluss mit Zylinder, Röhrenmagazin mit 11 Patronen im Vorderschaft und eine Patrone im Zubringer. Quadrantenvisier mit langem Blatt mit Aufsatz, Visierstellung für 225 bis 1000 m, Sattelkorn (Bajonetthaft). Kastenschliesse entfernt. Gestuftes Oberband mit Federhalterung und Führung für Putzstock, Mittelband mit Federhalterung, unten geschraubt mit breitem Riemenbügel, Unterband unten geschraubt. Zweiteiliger Nussbaumholzschaft mit Verschnitt aus Fischhautmusterung (Waffelmuster) zur griffigeren Handhabe, leicht geschweifter Kolbenabschluss mit Kappe, geschweifter Abzugsbügel mit Fingerhaken, zweiteiliges angeschraubtes Bügelblatt und hinterer breiter Riemenbügel an angeschraubtem Montageblatt. Putzstock. Laufdeckel aus Messing mit bombierter Wandung, Feder und «M» unter Schweizerkreuz (Kontrollpunze ab 1871).

Schläge: Auf Verschlusskasten Hersteller «SOC. IND. SUISSE SYST. VETTERLIN», Schweizerkreuz sowie Waffennummer «110111», diese ebenso auf Kammer und zudem «R» unter Schweizerkreuz in Oval (Kontrollpunze ab 1867 von Inspektor Georg Raschein, 1860–1897). Diverse Kontroll- und Abnahmestempel der eidg. Inspektoren: auf Oberseite von Visierblatt «V» unter Schweizerkreuz in Oval (Kontrollpunze ab 1869, ev. von Inspektor Vogelsang, im Einsatz 1879–1912), auf Unterseite «14» und «D» in Zierschrift. Auf Zylinder «V» und «C» (Kontrollpunze ab 1869) sowie «B» (Kontrollpunze ab 1867 von Inspektor Hermann Bader, einem Büchsenmacher in Tägerwilen), je unter Schweizerkreuz und in Oval, auf Zylinderdeckel in Oval «N» unter Schweizerkreuz (Kontrollpunze ab 1863), Bänder je mit «V» unter Schweizerkreuz in Oval, Putzstock mit «S» unter Schweizerkreuz in Oval (Kontrollpunze ab 1869, von Rudolf Schmidt, im Einsatz 1864–1874).

Kaliber: 10.4 mm

Tüllenbajonett mit vierkantiger Klinge.
Schläge: Waffennummer «9836», «O» unter Schweizerkreuz in Oval (Kontrollstempel ab 1863), auf Schraube «39».
Der Thurgauer Konstrukteur und nachmalige Direktor der SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) in Neuhausen, Johann Friedrich Vetterli (1822–1882), hat die modernste Waffe seiner Zeit entwickelt, die seither seinen Namen trägt. Das neue Verschlusssystem erlaubte eine Steigerung von bis zu 21 Schuss in der Minute sowie den Einsatz von Metallpatronen.
Es war das erste europäische kleinkalibrige Repetiergewehr, welches als Kriegswaffe verwendet wurde. Am 27. Februar 1868 wurde sein Modell von der eidg. Gewehrprüfungskommission abgenommen und ein Jahr später wurde von der schweizerischen Bundesversammlung beschlossen, das Mehrladesystem Vetterli für die Neubewaffnung der Infanterie und der Dragonerschwadrone anzunehmen.
Zur Familie der Vetterli-Repetierer gehörten 15 unterschiedliche Modelle von Infanteriegewehren, Stutzern und Karabinern für die Kavallerie. Letztere wurde auch vom Zoll und von der Polizei verwendet. Am 20. Februar 1871 erfolgte bereits mittels bundesrätlichem Beschluss die erste Revision des Vetterli-Gewehrs zur Ordonnanz 1869/1871. Das vorliegende Exemplar kam 1874 zur Ausrüstung der Schweizer Armee, was aufgrund seiner Waffennummer feststellbar ist.
Ab 1901 begann die Aussortierung dieser Armeewaffe, indem den Dienst quittierende Soldaten das Stück für CHF 5.– erwerben konnten. Ebenso gelangten über 30 000 dieser Waffen zu Beginn des 20. Jhs. nach Finnland, wo sie in den Unabhängigkeits- und Bürgerkriegen zum Einsatz kamen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die letzten Vetterli-Gewehre ausgemustert, wobei eine stattliche Anzahl davon lange Zeit als Kriegsreserve in den Zeughäusern lagerte.

Beim Stutzer handelt es sich ursprünglich um ein kurzes, besonders handliches Jagdgewehr mit gezogenem Lauf und Schaft bis zur Mündung. Im militärischen Bereich erlangte der Stutzer Bedeutung als besonders präzise Waffe bei den im 18. Jh. aufgestellten Jäger- und Scharfschützenkompanien. Das Zündsystem wurde mehrmals bis zur Annahme des Vetterli-Stutzers 1871 verändert.
SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) (*1853), Hersteller von Waffen, Automobilen und Waggons in Neuhausen (SH)
1874
L. 130 cm, Lauf L. 82 cm; Bajonett L. 55 cm, Klingenlänge 49 cm
Stahl, brüniert; Eisen, Nussbaumholz
T 40319
Die schweiz. Ordonnanz-Hinterladergewehre, seit 1867, in: Schweizer Soldat, Monatszeitschrift für Armee und Kader mit FHD-Zeitung, Bd. 4, Heft 11, 1928–1929, S. 251–252, 261–262.

Erhard Clavadetscher, Zwei Thurgauer Waffenpioniere, Friedrich Vetterli und Friedrich von Martini, in: Thurgauer Jahrbuch 38. Jg., 1963, S. 7–18.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Oskar Krebs, Christian Reinhart, Handfeuerwaffen System Vetterli (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 3), Dietikon-Zürich 1970, S. 36–37.

Hugo Schneider, Jürg A. Meier, Griffwaffen (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 7), Dietikon-Zürich 1971, S. 161, Nr. 4.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Eidgenössische Handfeuerwaffen (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 2), Dietikon-Zürich 1979, S. 169–174.

Adrian Knoepfli, Schweizerische Industrie-Gesellschaft (SIG), in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.10.2011. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/041779/2011-10-27/, aufgerufen am 04.12.2023.

Ernst Grenacher, Schweizer Militärgewehre Hinterladung 1860–1990, 2015, S. 115–122, 124, 138, 170–177.
Schlagwörter: Militaria, Waffen, Industrie