Repetiergewehr der eidgenössischen Scharfschützen, Hinterlader nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1878/1881 (Variante 1882 oder 1883), mit nummergleichem Jatagan (Säbelbajonett) Modell 1887

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Runder Lauf mit vier Zügen, ab Kammer oktogonal. Drehverschluss mit Zylinder, Röhrenmagazin für zwölf Patronen im Vorderschaft und eine Patrone im Zubringer, Quadrantenvisier mit ausziehbarem Blatt (Modell 1881), Visierstellung für 225 bis 1200 m, Sattelkorn. Kastenschliesse entfernt. Gestuftes, links geschraubtes Oberband mit rechter Bajonetthaft und Führung für Putzstock. Mittelband mit Federhalterung, unten geschraubt mit breitem Riemenbügel. Putzstock.
Zweiteiliger Nussbaumholzschaft mit geschweiftem Kolbenabschluss, Kolbenkappe, rundem Abzugsbügel mit Fingerhaken, zweiteiligem, angeschraubtem Bügelblatt und hinterem breitem Riemenbügel an angeschraubtem Montageblatt.

Schläge: Auf Verschlusskasten Hersteller «Waffenfabrik Bern» unter Schweizerkreuz, Waffennummer «227700», «M.81» (Modell 1881). Diverse Kontroll- und Annahmestempel: auf Kammer «227700», «B» (Kontrollstempel ab 1867, ev. von Inspektor Hermann Bader, Büchsenmacher in Tägerwilen), «R» (Kontrollstempel ab 1867 von Inspektor Georg Raschein), «V» (Kontrollstempel ab 1869, ev. von Inspektor Oberst Vogelsang, im Einsatz 1879–1912), je unter Schweizerkreuz und in Oval. Visierbacke und Blattoberseite je mit «M» unter Schweizerkreuz in Oval (Kontrollstempel ab 1867 von Inspektor Hans von Mechel), Unterseite und Nuss je mit «700» (abgekürzte Waffennummer), Zylinder, Zylinderdeckel und Nuss je mit «N» unter Schweizerkreuz in Oval (Kontrollstempel ab 1863). Abzugsbügel, Bügelblatt und Mittelband je mit «M» unter Schweizerkreuz in Oval, auf Bügelunterseite «700» und «RP»?. Unterseite von Verschlusskasten mit «700». Kappe mit «700» und «M» unter Schweizerkreuz in Oval, Oberband mit «S» unter Schweizerkreuz in Oval (Kontrollstempel ab 1869 von Inspektor Rudolf Schmidt 1864–1874). Stufen von Oberband mit «700», «B», «B»? in Zierschrift und «I» oder «II» (sehr dicker Strich).
Auf Schaft Besitzerangabe «TH» für Zeughaus Frauenfeld, «T», zwei Mal «B» in Schild unter Schweizerkreuz (Annahmestempel für Holzteile), in Oval «II» über «24».

Kaliber: 10.4 mm

Bajonett mit eisernem Griff, beidseits mit gewaffeltem braunem Pressleder belegt, Parierstange mit Aufsteckloch. Gerade Klinge mit Sägerücken und einseitigem Hohlschliff. Schwarze (jetzt aufgrund Alterung braune) Lederscheide mit angenietetem Mundstück und ebensolchem Stiefel, Mundstück mit breiter Öse für Lederriemen mit einem Loch.

Schläge: Auf Klinge Hersteller «S. J G Neuhausen», auf Parierstange Waffennummer «227700» und «C» unter Schweizerkreuz in Ovale (Kontrollstempel ab 1869), letztere Punze auch auf Ortsknauf der Scheide. Mundstück mit «59». Griffkopf mit «M» und «D»?.
Der Thurgauer Konstrukteur und nachmalige Direktor der SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) in Neuhausen, Johann Friedrich Vetterli (1822–1882), hat die modernste Waffe seiner Zeit entwickelt, die seither seinen Namen trägt. Das neue Verschlusssystem erlaubte eine Steigerung von bis zu 21 Schuss in der Minute sowie den Einsatz von Metallpatronen.
Zur Familie der Vetterli-Repetierer gehörten 15 unterschiedliche Modelle von Infanteriegewehren, Stutzern und Karabinern für die Kavallerie. Letztere wurde auch vom Zoll und von der Polizei verwendet. Die Gewehre wurden laufend optimiert, weshalb der Bundesrat 1878 und 1881 die geprüften Ertüchtigungen zu offiziellen Erlassen erklärte. Vorliegendes Gewehr gehört zu den letzten produzierten Waffen von diesem Typ, es wurde 1889 der Armee abgeliefert.
Ab 1901 begann die Aussortierung dieser Armeewaffe, indem den Dienst quittierende Soldaten das Stück für CHF 5.– erwerben konnten. Ebenso gelangten über 30 000 dieser Waffen zu Beginn des 20. Jhs. nach Finnland, wo sie in den Unabhängigkeits- und Bürgerkriegen zum Einsatz kamen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die letzten Vetterli-Gewehre ausgemustert, wobei eine stattliche Anzahl davon lange Zeit als Kriegsreserve in den Zeughäusern lagerte.

Die Beiwaffe zu diesem Gewehr ist ein sogenannter Jatagan. Das Wort «Jatagan» (auch Yatagan) ist türkischen Ursprungs und bezeichnet eigentlich einen osmanischen Säbel, der nach der gleichnamigen Stadt im Südwesten der Türkei benannt ist. Mitte des 19. Jhs. wurde der Jatagan Bestandteil der militärischen Bewaffnung. In Frankreich wurde 1840 für die Muskete M 1840 eine Bajonettklinge verwendet, deren Vorbild der Jatagan war. Auch im Vereinigten Königreich und in der Schweiz kamen solche Säbelbajonette zum Einsatz.

Vorliegende Waffe war in der Scharfschützenkompanie im Einsatz, einer militärischen Einheit mit treffsicheren Soldaten (franz. tireur d’élite, Meisterschütze; engl. marksman, das Ziel treffende Person). Die Scharfschützen, meist in dunkelgrüner Uniform, waren für den Feuerschutz der Artillerie und der Infanterie zuständig, verstärkten die in loser Formation den Gegner irritierenden Jäger und verteidigten feste Plätze. Bis 1874 waren die Scharfschützen ein selbständiger, von der Infanterie getrennter Truppenkörper. Gehörten 1807 20 Thurgauer Scharfschützen zum eidg. Heer, waren es 1817 bereits 100 Mann im Auszug sowie 100 Mann in der Reserve und ab 1848 zwei Kompanien à 100 Soldaten und eine Reservekompanie. Die beiden Thurgauer Scharfschützenkompanien hatten die Nummern 5 und 26. Aufgrund der Militärorganisation von 1874 kam es zur Aufhebung der Waffengattung der Scharfschützen. Sie dienten fortan in den Schützenformationen, waren nicht mehr mit besonderen Gewehren ausgerüstet und durchliefen die gleiche Ausbildung wie die Infanteristen. Auch die Einheit der Jäger wurde aufgelöst.
Eidgenössische Waffenfabrik Bern (W+F) (*1871), heutige RUAG

SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) (*1853), Hersteller von Waffen, Automobilen, Waggons in Neuhausen (SH)
ab 1889
L. 132 cm, Lauf L. 84.3 cm; Bajonett L. 62 cm, Klingenlänge 48 cm
Stahl, brüniert; Eisen; Nussbaumholz; Leder
T 40314
Albert W. Schoop, Geschichte der Thurgauer Miliz, Frauenfeld 1948, S. 172–173.

Erhard Clavadetscher, Zwei Thurgauer Waffenpioniere, Friedrich Vetterli und Friedrich von Martini, in: Thurgauer Jahrbuch 38. Jg., 1963, S. 7–18.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Oskar Krebs, Christian Reinhart, Robert Schiess, Handfeuerwaffen System Vetterli (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 3), Dietikon-Zürich 1970, S. 40–41, 105–109, Nr. 9.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Eidgenössische Handfeuerwaffen (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 2), Dietikon-Zürich 1979, S. 169–174.

Ernst Grenacher, Schweizer Militärgewehre Hinterladung 1860–1990, 2015, S. 120, 125, 192–195.
Schlagwörter: Militaria, Industrie, Waffen