Repetiergewehr der eidgenössischen Scharfschützen, Hinterlader mit Zylinderverschluss nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1878, mit Jatagan (Säbelbajonett) Modell 1887

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Runder brünierter Lauf, ab Kammer oktogonal. Drehverschluss mit Zylinder, Röhrenmagazin für zwölf Patronen im Vorderschaft und eine Patrone im Zubringer, Quadrantenvisier mit Einstellung von 225 bis 1200 m, Balkenkorn. Kastenschliesse entfernt. Gestuftes Oberband, mit Schraube rechts befestigt und Bajonetthaft rechts. Mittelband mit Federbefestigung, unten verschraubt mit breitem Riemenbügel. Runder Abzugsbügel mit Fingerhaken und zweifach angeschraubtem zweiteiligem Bügelblatt. Zweiteiliger Nussbaumholzschaft mit geschweiftem Kolbenabschluss und Kolbenkappe. Hinterer breiter Riemenbügel mit Montageblatt an Kolben geschraubt. Putzstock.

Schläge: Auf Verschlusskasten Hersteller «WAFFENFABRIK BERN», Waffennummer «152513» und «M: 78» (Modell 1878). Diverse Kontroll- und Abnahmestempel: auf Lauf auf Höhe Visier «156513», «AW» (A verschlagen), drei Ovale mit je Schweizerkreuz und «R» (Kontrollpunze ab 1867 von Inspektor Georg Raschein) bzw. «W» (Kontrollpunze ab 1867, ev. von Inspektor Werdmüller) bzw. spiegelverkehrtem «S» (Kontrollpunze ab 1869 von Inspektor Rudolf Schmidt 1864–1874) darunter sowie einzelne «M». Auf Visierblatt «225» und in Oval «C» unter Schweizerkreuz (Kontrollpunze ab 1869), auf Blattunterseite «513» (abgekürzte Waffennummer). Fingerhaken mit «O» unter Schweizerkreuz in Oval (Kontrollpunze ab 1863), Abzug mit «513», Bügelblatt mit spiegelverkehrtem «S» unter Schweizerkreuz in Oval, auf Verschlusskastenunterseite «513» und «V» unter Schweizerkreuz in Oval (Kontrollpunze ab 1869, ev. von Inspektor Oberst Vogelsang, im Einsatz 1879–1912). Auf Zylinder «MB» und «513 B», auf Zylinderdeckel «V» unter Schweizerkreuz. Schwanzschraube mit «V» unter Schweizerkreuz in Oval. Kolbenkappe mit «513» und «R» unter Schweizerkreuz in Oval. Oberband mit «C», Mittelband mit «O» je unter Schweizerkreuz in Oval. Auf Kolben sowie Vorderschaft je «O» in Wappenschild unter Schweizerkreuz, auf Kolben «D4+C1» (wohl Abnahmestempel des eidg. Inspektors), «4» unter Schweizerkreuz.

Kaliber: 10.4 mm

Bajonett mit eisernem Griff und beidseits belegtem gewaffeltem schwarzem Pressleder, vierfach genietet, gerade Parierstange mit Aufsteckloch, gerade Klinge mit Sägerücken und einseitigem Hohlschliff. Schwarze Lederscheide mit eisernem Mundstück und Stiefel. Mundstück mit breitem Bügel, daran Lederstrippe mit einem Loch (zur Befestigung mittels Rollschnalle am Futteral).

Schläge: Auf Parierstange Waffennummer «15835», in Oval «C» unter Schweizerkreuz, auf Mundstück «59», auf Stiefel in Oval «C» unter Schweizerkreuz. Auf Klinge Hersteller «SJC Neuhausen».

Bajonett Klingenlänge: 48.2 cm
Der Thurgauer Konstrukteur und nachmalige Direktor der SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) in Neuhausen, Johann Friedrich Vetterli (1822–1882), hat die modernste Waffe seiner Zeit entwickelt, die seither seinen Namen trägt. Das neue Verschlusssystem erlaubte eine Steigerung von bis zu 21 Schuss in der Minute sowie den Einsatz von Metallpatronen.
Zur Familie der Vetterli-Repetierer gehörten 15 unterschiedliche Modelle von Infanteriegewehren, Stutzern und Karabinern für die Kavallerie. Letztere wurde auch vom Zoll und von der Polizei verwendet. Die Gewehre wurden laufend optimiert, weshalb der Bundesrat 1878 und 1881 die geprüften Ertüchtigungen zu offiziellen Erlassen erklärte. Vorliegendes Gewehr wurde 1880 der Schweizer Armee abgeliefert.
Ab 1901 begann die Aussortierung dieser Armeewaffe, indem den Dienst quittierende Soldaten das Stück für CHF 5.– erwerben konnten. Ebenso gelangten über 30 000 dieser Waffen zu Beginn des 20. Jhs. nach Finnland, wo sie in den Unabhängigkeits- und Bürgerkriegen zum Einsatz kamen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die letzten Vetterli-Gewehre ausgemustert, wobei eine stattliche Anzahl davon lange Zeit als Kriegsreserve in den Zeughäusern lagerte.

Die Beiwaffe zu diesem Gewehr ist ein sogenannter Jatagan. Das Wort «Jatagan» (auch Yatagan) ist türkischen Ursprungs und bezeichnet eigentlich einen osmanischen Säbel, der nach der gleichnamigen Stadt im Südwesten der Türkei benannt ist. Mitte des 19. Jhs. wurde der Jatagan Bestandteil der militärischen Bewaffnung. In Frankreich wurde 1840 für die Muskete M 1840 eine Bajonettklinge verwendet, deren Vorbild der Jatagan war. Auch im Vereinigten Königreich und in der Schweiz kamen solche Säbelbajonette zum Einsatz.

Vorliegende Waffe war in der Scharfschützenkompanie im Einsatz, einer militärischen Einheit mit treffsicheren Soldaten (franz. tireur d’élite, Meisterschütze; engl. marksman, das Ziel treffende Person). Die Scharfschützen, meist in dunkelgrüner Uniform, waren für den Feuerschutz der Artillerie und der Infanterie zuständig, verstärkten die in loser Formation den Gegner irritierenden Jäger und verteidigten feste Plätze. Bis 1874 waren die Scharfschützen ein selbständiger, von der Infanterie getrennter Truppenkörper. Gehörten 1807 20 Thurgauer Scharfschützen zum eidg. Heer, waren es 1817 bereits 100 Mann im Auszug sowie 100 Mann in der Reserve und ab 1848 zwei Kompanien à 100 Soldaten und eine Reservekompanie. Die beiden Thurgauer Scharfschützenkompanien hatten die Nummern 5 und 26. Aufgrund der Militärorganisation von 1874 kam es zur Aufhebung der Waffengattung der Scharfschützen. Sie dienten fortan in den Schützenformationen, waren nicht mehr mit besonderen Gewehren ausgerüstet und durchliefen die gleiche Ausbildung wie die Infanteristen. Auch die Einheit der Jäger wurde aufgelöst.
Eidgenössische Waffenfabrik Bern (W+F) (*1871), heutige RUAG / SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) (*1853), Hersteller von Waffen, Automobilen, Waggons in Neuhausen (SH)
ab 1880
L. 132.5 cm, Lauf L. 84.3 cm
Stahl, brüniert; Eisen; Nussbaumholz; Leder
T 40311
Die schweiz. Ordonnanz-Hinterladergewehre, seit 1867, in: Schweizer Soldat, Monatszeitschrift für Armee und Kader mit FHD-Zeitung, Bd. 4, Heft 11, 1928–1929, S. 251–252, 261–262.

Albert W. Schoop, Geschichte der Thurgauer Miliz, Frauenfeld 1948, S. 172–173.

Erhard Clavadetscher, Zwei Thurgauer Waffenpioniere, Friedrich Vetterli und Friedrich von Martini, in: Thurgauer Jahrbuch 38. Jg., 1963, S. 7–18.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Oskar Krebs, Christian Reinhart, Robert Schiess, Handfeuerwaffen System Vetterli (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 3), Dietikon-Zürich 1970, S. 41, 105–107.

Hugo Schneider, Jürg A. Meier, Griffwaffen (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 7), Dietikon-Zürich 1971, S. 161, Nr. 6.

Adrian Knoepfli, Schweizerische Industrie-Gesellschaft (SIG), in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.10.2011. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/041779/2011-10-27/, aufgerufen am 04.12.2023.

Ernst Grenacher, Schweizer Militärgewehre Hinterladung 1860–1990, 2015, S. 120, 125, 186–187.
Schlagwörter: Militaria, Waffen, Industrie

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