Repetiergewehr der Infanterie, Hinterlader nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1869/1871

zurück

Runder Lauf mit vier konzentrischen Zügen, im Bereich der Patronenkammer oktogonal. Drehverschluss mit Zylinder, Röhrenmagazin für 12 Patronen im Vorderschaft, 1 Patrone im Vorderschaft. Abschlussklappe der Verschlusswand abmontiert. Quadrantenvisier mit langem Blatt und Aufsatz, Visiereinstellung von 250 bis 1000 m. Balkenkorn, das auch als Bajonetthaft dient, mit dem Lauf aus einem Guss. Eisengarnitur mit drei Bändern aus gestuftem Hülsenoberband mit Federhalterung und Führung für Putzstock, geschraubtem Mittelband mit Federhalterung und breiter Riemenöse und geschraubtem Unterband sowie Kolbenkappe. Geschweifter Abzugsbügel mit Fingerhaken, angeschraubtes Bügelblatt, Kolbenkappe und hinterer breiter Riemenbügel an Montageblatt. Putzstock aus Stahl.
Am Vorderschaft zweiteilige Nussbaumholzschäftung mit Verschnitt aus Fischhautmusterung (Waffelmuster) zur griffigeren Handhabe und geschweiftem Kolbenabschluss.
Kastenschliesser 1870 entfernt.

Schläge: Auf Verschlusskasten Waffennummer «14200» und Hersteller «Ostschweiz B. G.» (Ostschweizerische Büchsenmachergesellschaft). Gleiche Schläge auf Lauf neben Visier, dort zudem in Viereck «F» unter Schweizerkreuz in Rund, je in Oval unter Schweizerkreuz «C» (Kontrollpunze des Inspektors ab 1869) und «O» (ab 1863). Auf Zylinder in Oval «T» unter Schweizerkreuz (ab 1867). Auf Unterseite des Visierblattes «K S» in Viereck und «200» (abgekürzte Waffennummer). Auf Mittel- und Unterband je in Oval «C» unter Schweizerkreuz sowie je «200» auf Ober- und Unterband. «200» je auf Unterseite des Verschlusskastens und Kolbenkappe. Auf Kreuz über «E» (Kontrollpunze ab 1881).
Auf Lauf St. Galler Wappen mit Stäbebündel (Liktorenbündel) in Wappenschild in Schweizer Form.

Kaliber: 10.4 mm
Der Thurgauer Konstrukteur und nachmalige Direktor der SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) in Neuhausen, Johann Friedrich Vetterli (1822–1882), hat die modernste Waffe seiner Zeit entwickelt, die seither seinen Namen trägt. Das neue Verschlusssystem erlaubte eine Steigerung von bis zu 21 Schuss in der Minute sowie den Einsatz von Metallpatronen. Es war das erste Repetiergewehr, welches als Kriegswaffe verwendet wurde. Zur Familie der Vetterli-Repetierer gehörten 15 unterschiedliche Modelle von Infanteriegewehren, Stutzern und Karabinern für die Kavallerie. Letztere wurde auch vom Zoll und von der Polizei verwendet.
Repetiergewehre (Repetierer) werden auch als Durchlader bezeichnet. Durch manuelles Zurück- und Wiedervorschieben des Verschlusses wird die leere Patronenhülse ausgeworfen und aus dem Magazin eine neue Patrone ins Patronenlager eingeführt. Bei diesem Vorgang wird das Schloss gespannt und schussfertig gemacht.
Zur Ordonnanzwaffe wurde das Vetterli-Gewehr 1869 vom Schweizerischen Bundesrat erklärt. Dabei handelte es sich um das Modell 1868 mit der offiziellen Bezeichnung «Repetiergewehr eidg. Ordonnanz 1869». Bereits 1871 erfolgte der erste behördliche Erlass mit der bereinigten aktualisierten Vorschrift zum Bau dieser Waffe, wonach der Kastenschliessdeckel und der Magazinschliesser wegfielen, der Lauf um den achtkantigen Teil verlängert und die Kalibertoleranz vermindert wurde.
Gemäss der Waffennummer des vorliegenden Exemplars erfolgte seine Ablieferung an die Armee 1871. Insgesamt wurden 8700 dieser Gewehre, darunter auch dieses Stück, nach St. Gallen geliefert, um sie von den Waffenschmieden der Ostschweizerischen Büchsenmacher-Gesellschaft ertüchtigen zu lassen. Diese Interessengemeinschaft zahlreicher Büchsenmacher formierte sich um 1870 als Gegengewicht zu der 1871 gegründeten Waffenfabrik Bern.
1869–1878
L. 130 cm, Lauf L. 82
Stahl, brüniert; Eisen; Nussbaumholz
T 9733
Erhard Clavadetscher, Zwei Thurgauer Waffenpioniere, Friedrich Vetterli und Friedrich von Martini, in: Thurgauer Jahrbuch 38. Jg., 1963, S. 7–18.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Oskar Krebs, Christian Reinhart, Robert Schiess, Handfeuerwaffen System Vetterli (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 3), Dietikon-Zürich 1970, S. 36–37, 124.

Hugo Schneider, Schweizer Waffenschmiede vom 15. bis 20. Jahrhundert, Zürich 1976, S. 205.

Eugène Heer, Der neue Stöckel, Bd. 2, Internationales Lexikon der Büchsenmacher, Feuerwaffenfabrikanten und Armbrustmacher von 1400–1900, Schwäbisch Hall 1979, S. 899.

Margrit Früh, Führer durch das Historische Museum des Kantons Thurgau im Schloss Frauenfeld, Ausstellungskatalog, 2. erneuerte Auflage, Frauenfeld 2001, S. 31.

Ernst Grenacher, Schweizer Militärgewehre Hinterladung 1860–1990, 2015, S. 116–118, 124, 168–179.

Adrian Knoepfli, Schweizerische Industrie-Gesellschaft (SIG), in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.10.2011. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/041779/2011-10-27/, aufgerufen am 04.12.2023.
Schlagwörter: Militaria, Industrie, Waffen