Repetierstutzer der Scharfschützen, Hinterlader mit Zylinderverschluss nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1871, mit nummergleichem Stichbajonett

zurück

Mit der Maus über das Bild fahren, um es zu vergrössern · Auf das Bild klicken für die Vollbildansicht · mit den Pfeiltasten oder Pfeilen navigieren

Brünierter Lauf mit vier Zügen, ab Kammer oktogonal. Drehverschluss mit Zylinder, Röhrenmagazin für zwölf Patronen im Vorderschaft und eine Patrone im Zubringer, Quadrantenvisier mit Blatt mit Aufsatz, Sattelkorn (Bajonetthaft), Visierstellung für 225 bis 1000 m. Kastenschliesse entfernt. Gestuftes Oberband mit Federhalterung und Führung für Putzstock. Mittelband mit Federhalterung, unten verschraubt mit breitem Riemenbügel.
Zweiteiliger Nussbaumholzschaft mit Verschnitt aus Fischhautmusterung (Waffelmuster) zur griffigeren Handhabe. Kolben mit geschweiftem Abschluss mit Kolbenkappe. Geschweifter Abzugsbügel mit Fingerhaken, Stecherabzug, zweiteiliges angeschraubtes Bügelblatt und hinterer breiter Bügelriemen an angeschraubtem Montageblatt.

Schläge: Auf Verschlusskasten Hersteller «WAFFENFABRIK BERN» und Waffennummer «12807». Kammer mit «AW», «E» in eckiger Kartusche, darüber Schweizerkreuz in Oval (Kontrollpunze ab 1867), «TH» (Zeughaus Frauenfeld, Besitzer). «O» (ab 1863), «R» (ab 1867, Kontrollpunze von Inspektor Georg Raschein), «V» (Kontrollpunze ab 1869, ev. von Oberst Vogelsang, im Einsatz von 1879–1912) und «W» (Kontrollpunze ab 1867, ev. von Inspektor Werdmüller), alle je unter Schweizerkreuz in Oval. Auf Oberseite von Visierblatt in Oval «O» unter Schweizerkreuz, Unterseite mit «807» (abgekürzte Waffennummer), Zylinder mit «V» und «N» (ab 1863) je unter Schweizerkreuz und in Oval, «807», auf Deckel «N» unter Schweizerkreuz in Oval. Kolbenkappe mit «807» und «O» unter Schweizerkreuz in Oval, Abzugsbügel mit «V» unter Schweizerkreuz in Oval, auf Bügelblatt in Oval spiegelverkehrtes «S» unter Schweizerkreuz (ab 1869, Kontrollpunze von Inspektor Rudolf Schmidt, im Einsatz 1864–1874), Letztere auch auf Unterseite von Verschlusskasten sowie «807», auf Bänder je in Oval «O» unter Schweizerkreuz.
Schaft mit «TH» (Zeughaus Frauenfeld, Besitzer), «D7+CI» (wohl Abnahmestempel des eidg. Inspektors), Kreuz oder «X» in Vertiefung, in Schild «O», darüber Schweizerkreuz.

Kaliber: 10.4 mm

Tüllenbajonett mit vierkantiger Klinge. Länge 55 cm, Klinge 49 cm.
Schläge: Waffennummer «12807», «W», in Oval «V» unter Schweizerkreuz.
Der Thurgauer Konstrukteur und nachmalige Direktor der SIG (Schweizerische Industrie-Gesellschaft) in Neuhausen, Johann Friedrich Vetterli (1822–1882), hat die modernste Waffe seiner Zeit entwickelt, die seither seinen Namen trägt. Das neue Verschlusssystem erlaubte eine Steigerung von bis zu 21 Schuss in der Minute sowie den Einsatz von Metallpatronen.
Es war das erste europäische kleinkalibrige Repetiergewehr, welches als Kriegswaffe verwendet wurde.
Zur Familie der Vetterli-Repetierer gehörten 15 unterschiedliche Modelle von Infanteriegewehren, Stutzern und Karabinern für die Kavallerie. Letztere wurde auch vom Zoll und von der Polizei verwendet.
Am 20. Februar 1871 erfolgte bereits mittels bundesrätlichem Beschluss die erste Revision des Vetterli-Gewehrs zur Ordonnanz 1869/1871. Das vorliegende Exemplar kam 1879 zur Ausrüstung der Schweizer Armee, was aufgrund seiner Waffennummer feststellbar ist.
Ab 1901 begann die Aussortierung dieser Armeewaffe, indem den Dienst quittierende Soldaten das Stück für CHF 5.– erwerben konnten. Ebenso gelangten über 30 000 dieser Waffen zu Beginn des 20. Jhs. nach Finnland, wo sie in den Unabhängigkeits- und Bürgerkriegen zum Einsatz kamen. Nach dem Ersten Weltkrieg wurden die letzten Vetterli-Gewehre ausgemustert, wobei eine stattliche Anzahl davon lange Zeit als Kriegsreserve in den Zeughäusern lagerte.

Beim Stutzer handelt es sich ursprünglich um ein kurzes, besonders handliches Jagdgewehr mit gezogenem Lauf und Schaft bis zur Mündung. Im militärischen Bereich erlangte der Stutzer Bedeutung als besonders präzise Waffe bei den im 18. Jh. aufgestellten Jäger- und Scharfschützenkompanien. Das Zündsystem wurde mehrmals bis zur Annahme des Vetterli-Stutzers 1871 verändert.

Vorliegende Waffe war in der Scharfschützenkompanie im Einsatz, einer militärischen Einheit mit treffsicheren Soldaten (franz. tireur d’élite, Meisterschütze; engl. marksman, das Ziel treffende Person). Die Scharfschützen, meist in dunkelgrüner Uniform, waren für den Feuerschutz der Artillerie und der Infanterie zuständig, verstärkten die in loser Formation den Gegner irritierenden Jäger und verteidigten feste Plätze. Bis 1874 waren die Scharfschützen ein selbständiger, von der Infanterie getrennter Truppenkörper. Gehörten 1807 20 Thurgauer Scharfschützen zum eidg. Heer, waren es 1817 bereits 100 Mann im Auszug sowie 100 Mann in der Reserve und ab 1848 zwei Kompanien à 100 Soldaten und eine Reservekompanie. Die beiden Thurgauer Scharfschützenkompanien hatten die Nummern 5 und 26. Aufgrund der Militärorganisation von 1874 kam es zur Aufhebung der Waffengattung der Scharfschützen. Sie dienten fortan in den Schützenformationen, waren nicht mehr mit besonderen Gewehren ausgerüstet und durchliefen die gleiche Ausbildung wie die Infanteristen. Auch die Einheit der Jäger wurde aufgelöst.

Die 1871 gegründete Waffenfabrik Bern (W+F) stellte Faust- und Handfeuerwaffen her und war dem Militärdepartement unterstellt. 1999 erfolgte die Namensänderung in RUAG (Rüstungsunternehmen-Aktiengesellschaft).
Eidgenössische Waffenfabrik Bern (W+F) (*1871), heutige RUAG
1879
L. 126 cm, Lauf L. 78.3 cm
Stahl, brüniert; Eisen; Nussbaumholz
T 40315
Die schweiz. Ordonnanz-Hinterladergewehre, seit 1867, in: Schweizer Soldat, Monatszeitschrift für Armee und Kader mit FHD-Zeitung, Bd. 4, Heft 11, 1928–1929, S. 251–252, 261–262.

Albert W. Schoop, Geschichte der Thurgauer Miliz, Frauenfeld 1948, S. 172–173.

Erhard Clavadetscher, Zwei Thurgauer Waffenpioniere, Friedrich Vetterli und Friedrich von Martini, in: Thurgauer Jahrbuch 38. Jg., 1963, S. 7–18.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Oskar Krebs, Christian Reinhart, Handfeuerwaffen System Vetterli (Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 3), Dietikon-Zürich 1970, S. 45, 105–107, Nr. 2.

Hugo Schneider, Michael am Rhyn, Eidgenössische Handfeuerwaffen(Bewaffnung und Ausrüstung der Schweizer Armee seit 1817, Bd. 2), Dietikon-Zürich 1979, S. 169–174.

Adrian Knoepfli, Schweizerische Industrie-Gesellschaft (SIG), in: Historisches Lexikon der Schweiz (HLS), Version vom 27.10.2011. https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/041779/2011-10-27/, aufgerufen am 04.12.2023.

Ernst Grenacher, Schweizer Militärgewehre Hinterladung 1860–1990, 2015, S. 111–122, 174–175.

Jürg A. Meier, Marc Höchner, Die Berner Jägertruppe entsteht, Schwerter, Säbel, Seitenwehren, Bernische Griffwaffen 1500–1850 (Schriften des Bernischen Historischen Museums, Bd. 15), 2021, S. 108–109, Kat. Nr. 21.
Schlagwörter: Militaria, Waffen, Industrie

Ähnliche Objekte 12

Repetierstutzer der eidgenössischen Scharfschützen, Hinterlader mit Zylinderverschluss nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1881, mit Jatagan (Säbelbajonett) Modell 1878
  • ab 1881
  • Repetierstutzer der eidgenössischen Scharfschützen, Hinterlader mit Zylinderverschluss nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1881, mit Jatagan (Säbelbajonett) Modell 1878
Kadettengewehr für Einzelladung, Hinterlader mit Zylinderverschluss nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1870, Typ II
  • 1872–1898
  • Kadettengewehr für Einzelladung, Hinterlader mit Zylinderverschluss nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1870, Typ II
Repetiergewehr mit Zylinderverschluss, Hinterlader mit Zylinderverschluss nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1869/1871, mit Stichbajonett Modell 1871
  • 1874
  • Repetiergewehr mit Zylinderverschluss, Hinterlader mit Zylinderverschluss nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1869/1871, mit Stichbajonett Modell 1871
Repetiergewehr der eidgenössischen Infanterie, Hinterlader mit Zylinderverschluss nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1881, mit nummergleichem Jatagan (Säbelbajonett) Modell 1887
  • 1889
  • Repetiergewehr der eidgenössischen Infanterie, Hinterlader mit Zylinderverschluss nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1881, mit nummergleichem Jatagan (Säbelbajonett) Modell 1887
Repetiergewehr der eidgenössischen Scharfschützen, Hinterlader mit Zylinderverschluss nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1878, mit Jatagan (Säbelbajonett) Modell 1887
  • ab 1880
  • Repetiergewehr der eidgenössischen Scharfschützen, Hinterlader mit Zylinderverschluss nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1878, mit Jatagan (Säbelbajonett) Modell 1887
Repetierstutzer der Thurgauer Scharfschützen, Hinterlader nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1871, mit nummergleichem Stichbajonett
  • 1871–1881
  • Repetierstutzer der Thurgauer Scharfschützen, Hinterlader nach dem System Vetterli, eidgenössisches Modell 1871, mit nummergleichem Stichbajonett
Gewehr der Scharfschützen, Hinterlader mit Senkblockverschluss nach dem System Peabody
  • 1867–1890
  • Gewehr der Scharfschützen, Hinterlader mit Senkblockverschluss nach dem System Peabody
Gewehr der Thurgauer Scharfschützen, Hinterlader mit Senkblockverschluss nach dem System Peabody, Modell 1867, mit nummergleichem Stichbajonett Modell 1863/1871, aus dem Bestand des Kantonalen Zeughauses in Frauenfeld
  • 1867–1890
  • Gewehr der Thurgauer Scharfschützen, Hinterlader mit Senkblockverschluss nach dem System Peabody, Modell 1867, mit nummergleichem Stichbajonett Modell 1863/1871, aus dem Bestand des Kantonalen Zeughauses in Frauenfeld
Stutzer, Hinterlader nach dem System Martini, Schützenwaffe mit Senkblockverschluss, Ehrengabe am Eidgenössischen Schützenfest 1872 in Zürich
  • 1872
  • Stutzer, Hinterlader nach dem System Martini, Schützenwaffe mit Senkblockverschluss, Ehrengabe am Eidgenössischen Schützenfest 1872 in Zürich
Standstutzer, Hinterlader nach dem System Martini, Schützenwaffe mit Senkblockverschluss
  • um 1880
  • Standstutzer, Hinterlader nach dem System Martini, Schützenwaffe mit Senkblockverschluss
Stutzer nach dem System Martini, Hinterlader mit Senkblockverschluss, Schützenwaffe aus der Sammlung des Thurgauer Kantonalschützenverbands
  • um 1870
  • Stutzer nach dem System Martini, Hinterlader mit Senkblockverschluss, Schützenwaffe aus der Sammlung des Thurgauer Kantonalschützenverbands
Scheibenstutzer nach dem System Martini, Hinterlader mit Senkblockverschluss, Schützenwaffe mit gesticktem Tragriemen, aus der Sammlung des Thurgauer Kantonalschützenverbands
  • um 1870
  • Scheibenstutzer nach dem System Martini, Hinterlader mit Senkblockverschluss, Schützenwaffe mit gesticktem Tragriemen, aus der Sammlung des Thurgauer Kantonalschützenverbands